Heinrich Schilds Schicksal

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    Von Marburg wurde er am 28.04.1941 in die Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern verlegt. Scheuern war zu diesem Zeitpunkt eine sogenannte "Zwischenanstalt" für die Tötungsanstalt Hadamar. Von Januar bis August 1941 war Hadamar eine von sechs „Euthanasie“-Tötungsanstalten der „Aktion T4“. Das heißt, Patientinnen und Patienten aus anderen Anstalten wurden in „Zwischenanstalten“ zunächst gesammelt, bald darauf nach Hadamar verlegt und ermordet.

    Von Scheuern gelangte Herr Schild in einem Transport am 16.05.1941 nach Hadamar. Die Patientinnen bzw. Patienten eines solchen Transports wurden in der Regel noch am Tag der Ankunft in die im Keller der Anstalt befindliche Gaskammer geschickt und ermordet. Das Verlegungsdatum nach Hadamar ist somit als Todesdatum von Herr Schild anzusehen. Die Leichname der Ermordeten wurden anschließend noch vor Ort eingeäschert.

    Aus Geheimhaltungsgründen und um Angehörige und Behörden zu täuschen, gab es auf dem Gelände der Tötungsanstalt ein eigens eingerichtetes „Sonderstandesamt“. Dieses „Sonderstandesamt“ verschob das Todesdatum offiziell um einige Tage oder sogar Wochen. In vielen Fällen ist uns heute das offiziell beurkundete Todesdatum und die offizielle Todesursache nicht bekannt, da die Angehörigen der Ermordeten diese Briefe erhielten. Kopien oder Durchschläge davon sind in den Verwaltungsunterlagen der „Aktion T4“ nicht mehr überliefert. Wahrscheinlich wurden sie bei Kriegsende vernichtet.

    Sie können jedoch auch selbstständig unter diesem Link Bundesarchiv Internet - Euthanasie im Dritten Reich eine Namensliste mit allen Personen einsehen, deren Patientenakte sich im Bundesarchiv erhalten hat. Der Bestand, dem die Patientenakten zugeordnet sind, trägt die Signatur „R179“.

    Heinrich Schilds Lebenslauf

    Heinrich Schild wurde am 1899 in Cölbe geboren.

    Von Geburt an hatte er an der rechten Hand am 3., 4., und 5. Finger eine Sehnenverkürzung.

    In der Schule wiederholte er eine Klasse. Nach der Schule wollte er Metzger werden, was aber wegen der Hand nicht ging. Zunächst war er ein Jahr Hilfsarbeiter bei der Eichhornapotheke in Marburg, danach 2 Jahre Tiefbauarbeiter.

    1917 bis 1919 war er Soldat beim „Landsturm ohne Waffen“. Er wurde bei Erdarbeiten eingesetzt, später auch in der Küche. Nach dem Krieg arbeitete er wieder im Tiefbau („Erdarbeiter“).

    1927 -1928 war er arbeitslos. Danach arbeitete er für kurze Zeit wieder im Tiefbau. Heinrich Schild arbeitete zu Hause im Haushalt mit und half auch beim Holzholen im Wald.

    Wegen starker psychischer Auffälligkeiten wurde er von seinem begleitenden Arzt Dr. Schild aus Cölbe, der entfernt mit ihm verwandt war, am 24.9.1929 in die Universitäts-Nervenklinik in Marburg eingeliefert, wo ihm nach eingehenden Untersuchungen eine Hebephrene Schizophrenie attestiert wurde. Am 21.10.1929 wurde er ungeheilt entlassen und in die Landesheilanstalt in Marburg überstellt.

    Landesheilanstalt Marburg 1930

    Am 28.3.1930 wurde er auf Wunsch seiner Mutter von Verwandten nach Hause geholt.

    Am 7. Januar 1934 wurde Heinrich Schild in Begleitung von seinem Hausarzt Dr. Schild sowie einem Cousin wieder zur Landesheilanstalt in Marburg gebracht. Heinrich Schild hatte zuvor in „einem Zustand gesteigerter Erregbarkeit“ gestanden und sich dabei gewalttätig gezeigt, „so dass die Aufnahme in die geschlossene Anstalt unbedingt geboten ist“. Dort verblieb er bis zum April 1941.

    Am 28.4.1941 wurde Heinrich Schild „aus Gründen einer Neuverordnung der Heilanstalt nach Scheuern verlegt“. Diese „Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern“ (Foto) bei Nassau an der Lahn gehört zur Inneren Mission der evangelischen Kirche.

    Die Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern
    Ein „Gekrat“-Bus

    Sie diente wie 8 andere Einrichtungen in Deutschland als Zwischenstation zu den Tötungsanstalten. Damit sollte sichergestellt werden, dass – um kein unnötiges Aufsehen zu erregen - nur so viele Opfer an die Tötungsanstalten wie Hadamar gebracht wurden, wie unmittelbar darauf ermordet werden konnten.

    Nach 1940 wurden über 1000 Menschen nach Scheuern verbracht. Die meisten von ihnen wurden ab dem 13. März 1941 mit sogenannten Gekrat-Bussen, die eigens für die Mordaktion von Berlin aus bereitgestellt wurden, nach Hadamar überstellt. Unter ihnen Heinrich Schild. In seiner Krankenakte wurde am 16. 5.1941 lapidar vermerkt: „Patient wird heute auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars in eine andere Anstalt verlegt“. Heinrich Schild wurde am selben Tag gemeinsam mit anderen Opfern aus Scheuern vergast. Sein Leichnam wurde anschließend eingeäschert.

    GaskammerHadamar
    Anstalt Hadamar mit der Rauchfahne des Krematoriums

    Aus Geheimhaltungsgründen und um die Angehörigen zu täuschen verschob das eigens eingerichtete „Sonderstandesamt“ in Hadamar das Todesdatum auf den 4. Juni 1941.

    In Hadamar wurden insgesamt über 10 000 Menschen mit Kohlenmonoxid vergast. Weitere 4 500 Menschen wurden dort durch Giftinjektionen, durch Medikamente sowie vorsätzliches Verhungernlassen ermordet.

    Leider gibt es von Heinrich Schild und seiner Familie kein Foto. Es gibt keine Nachkommen mehr in Cölbe.