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Die abenteuerliche Flucht des Bürgelner Jungen Martin Hess 1939 in die USA

Am 21. Oktober 2019 strahlte die ARD das Dokudrama „Die Ungewollten – die Irrfahrt der St. Louis“ mit Ulrich Noethen in der Hauptrolle als Kapitän Gustav Schröder aus.

Wovon handelt der Film?

Voller Zuversicht verlassen am 13. Mai 1939 937 jüdische Flüchtlinge den Hamburger Hafen. Nazi-Deutschland hinter sich, die Freiheit vor sich. Fast alle Männer waren zuvor nach der Pogromnacht 1938 in Konzentrationslager verschleppt worden.  Ein Visum für Kuba verspricht ein Leben ohne Angst.

Mit dabei vor 80 Jahren: Der erst 15jährige Martin Hess aus Bürgeln.

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Martin Hess 1939. Auf dem Bild rechts mit seinen Klassenkameradinnen und –kameraden der jüdischen Schule in Marburg. Martin Hess ist der Dritte von rechts in der obersten Reihe. In der Mitte halblinks ihr Volksschullehrer Salomon Pfifferling

Martin lebte mit seiner Familie in Bürgeln im Haus „Untere Ohmtalstraße 7“. Dort hatte sie einen Kolonialwarenladen betrieben. Vor ihm waren seine Geschwister Julius (1930), Erna (1934) und Fritz (1936) bereits in die USA ausgewandert.

Kuba sollte für die allermeisten Passagiere der St. Louis eine Zwischenstation vor der Einreise in die USA sein. Auch Martin Hess durfte hoffen, denn seine beiden älteren Brüder Julius und Fritz und seine Schwester Erna waren schon dort und konnten für ihn bürgen. Und auch seine Eltern sollten noch in die USA kommen. Am 24. Mai 1939 ging ihr Schiff in die USA.

Mit an Bord der St. Louis war auch die Familie von Philipp und Jenny Banemann aus Burgkunstadt in Franken mit ihrer Tochter Margit. Martin freundete sich sofort mit ihnen an. Die St. Louis hatte sie in England an Bord genommen, wohin die Familie zuvor vor den Nazis geflohen war. Dies hat mir Irma Pretsfelder, geb. Wertheim am 18. Oktober 2019 telefonisch mitgeteilt, die vor 93 Jahren in Bürgeln geboren wurde.  Sie ist die Cousine von Martin Hess und lebt seit 1947 in Baltimore.

Während der Überfahrt nach Kuba gab es einen Regierungswechsel auf der Karibikinsel, der schicksalhaft für die Passagiere der St. Louis werden sollte.

Die neue Regierung erklärte die Einreisegenehmigungen für den Transit für ungültig. Die St. Louis musste daraufhin  mit fast allen Passagieren – 23 durften die St. Louis verlassen – wieder zurück fahren.

Der deutsche Kapitän Gustav Schröder versuchte die Passagiere in Florida an Land zu setzen. Dies gelang ihm ebenso wenig wie die Erlaubnis, die verfolgten Menschen nach Kanada zu bringen. Die jüdischen Passagiere befürchteten, in Deutschland in KZ´s eingeliefert zu werden. Sie gerieten zum Teil in Panik und drohten mit Massenselbstmord oder Meuterei.

Und mittendrin der 15jährige Martin Hess. Was mag in ihm wohl vorgegangen sein?


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 Kapitän Gustav Schröder und die St. Louis im Hafen von Havanna 1939

Nach zähen Verhandlungen mit seiner Reederei hatte Kapitän Schröder damit Erfolg, seine Passagiere in Antwerpen von Bord gehen lassen zu dürfen. Nur einem Viertel von ihnen gelang danach die Einreise nach Großbritannien.

Die restlichen wurden auf Frankreich, Belgien und die Niederlanden verteilt, wo die meisten von ihnen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet und in die Vernichtungslager deportiert wurden. Ein Drittel der Passagiere ermordeten die Nazis in den folgenden Jahren.

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Albert und Berta Hess, geb. Wertheim auf ihren Kennkartenfotos von 1939 und Erna Hess 1940

Albert und Berta Hess kamen wohlbehalten nach ihrer Überfahrt in New York an. Aufregung gab es aber dann noch, als man sich auf Ellis Island vor Manhattan zunächst weigerte, Albert, der für Deutschland im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hatte, einreisen zu lassen. Behinderte wurden normalerweise als Neubürger nicht akzeptiert. Aber dann ließen sie ihn doch herein.

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Martin Hess 1945 als GI, Erna und Julius Hess 1990 bei ihrem letzten Besuch in Oberasphe

Als Berta und Albert Hess vom Schicksal der St. Louis erfuhren, setzten sie von den USA aus alle Hebel in Bewegung, um Martin in die USA nachholen zu können. Es gelang ihnen im letzten Moment. Martin konnte von Holland aus – noch nach Kriegsbeginn – gemeinsam mit den Banemanns mit einem Schiff in die USA entkommen.

Martin Hess absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. 1945 kam er gemeinsam mit seinen Brüdern als GI nach Deutschland. Sie besuchten Bürgeln und Oberasphe, wo Julius, Erna und Fritz Hess geboren wurden. Dort traf Julius Hess Inge Hess, eine Auschwitz-Überlebende. Beide heirateten und lebten gemeinsam in Baltimore. Julius starb 1994, Inge im letzten Jahr 2018.

Martin gründete nach 1945 mit Margit Banemann eine Familie. Mit 42 Jahren starb er 1966 an einem Herzschlag während der Arbeit.

Heinrich Heimrich, der Sohn des Bürgelner Schmiedes, war sehr eng als Kind mit Martin Hess befreundet gewesen. Er hat ausführlich die Geschichte der Juden Bürgelns, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts in seinem Heimatdorf lebten, in seiner Dorfchronik dokumentiert. In dieser handschriftlich verfassten Dorfgeschichte, die online auf der Homepage www.buergeln.de zu finden ist, schreibt er abschließend in Band 3: „Das Unglück, welches der Nazi-Terror in Deutschland über diese Familien gebracht hat, ist nicht wieder gutzumachen. (…) Ich kann noch aus meiner eigenen jugendlichen Erinnerung überliefern, dass einige Aktivisten der Nazi-Organisationen vor den Judenhäusern abends die Familien mit antijüdischen Parolen belästigten und beschimpften. Die zunehmende Entrechtung und fortschreitende Diskriminierung in den 1930er Jahren führten schließlich dazu, dass unsere beiden jüdischen Familien Wertheim und Hess Deutschland 1939 verließen und nach England und die USA flüchteten.“

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Heinrich Heimrich (obere Reihe Mitte) bei einem Klassentreffen 1998 mit Irma Pretsfelder, geb. Wertheim (zweite von rechts) vor dem Chausseehaus

Heinrich Heimrich hat seinen alten Freund aus Kindertagen leider nicht mehr treffen können.
Am 3. Mai 2016 wurden in Bürgeln 13 Stolpersteine für die Familien Hess und Wertheim verlegt, die an ihr Schicksal erinnern sollen. Am 27. Januar 2017 wurde auch eine Erinnerungstafel dazu in der Bürgelner Mehrzweckhalle enthüllt.
Die am 21.10.2019 in der ARD ausgestrahlte filmische Dokumentation mit Ulrich Nöthen in der Hauptrolle als Kapitän Schröder, lässt uns die Geschichte von Martin Hess Flucht in die USA nach 80 Jahren eindrucksvoll nacherleben.
Im Programmteil der ARD wird zu diesem Film abschließend ausgeführt: „Die großen Flüchtlingsströme der jüngsten Zeit und wachsender Antisemitismus lassen die Ereignisse an Bord der "St Louis" erschreckend aktuell erscheinen. Die "Washington Post" erinnerte daher noch einmal an die Ereignisse aus dem Jahr 1939. Kanadas Premier Justin Trudeau entschuldigte sich bei den Familien der jüdischen Flüchtlinge, die Kanada einst abwies.“

P.S.: In Jad Vashem wurde Gustav Schröder, der Kapitän der St. Louis, als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.  
Wer den Film noch nicht gesehen hat, hier der Link der ARD-Mediathek:  https://www.ardmediathek.de/ard/more/7QcfHyBWGAomKAYcSEYCe/alle-filme

Hans Junker