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Am 15. Dezember 1935 wurden die Nürnberger Gesetze beschlossen. Reichsbürger konnte danach nur sein, wer „deutschen oder artverwandten Blutes“ war. Damit waren die jüdischen Mitbürger nicht mehr Angehörige des deutschen Volkes. Eheschließungen zwischen Juden und Nichtjuden wurden verboten. Liebesbeziehungen zu Menschen jüdischen Glaubens wurden als „Rassenschande“ verfolgt.

Juden wurde mit diesen Gesetzen auch das Wahlrecht entzogen.

In dem Kommentar zu diesem Gesetz formulierten Wilhelm Stuckart, Staatssekretär im Innenministerium und Ministerialrat Hans Globke – der als Intimus Konrad Adenauers später nach 1945 als Kanzleramtschef eine beachtliche Karriere hinlegte – das Ziel des NS-Rassenrechtes: Dass das ins deutsche Volk „eingedrungene jüdische Blut soweit als möglich wieder ausgeschieden“ werden müsse.     

Nach der Verkündung der Gesetze war Julius Stern aus Betziesdorf zu Besuch bei Wertheims. „Julius, was ist denn Rassenschande?“ fragte Irmas Mutter ihren Freund. Bevor Julius Stern genauer erklä#ren konnte, was man unter diesem Begriff zu verstehen hatte, brachte man Irma vor die Tür. „Das ist nur etwas für Erwachsene!“ Irma war darüber sauer.

Diese Dauerhetze, mit der vor allem auch vor der „Degeneration der nordisch-germanischen Rasse“ durch „Rassenschande“ mit Juden gewarnt wurde, trug ihren Teil dazu bei, die einheimische Bevölkerung des Dorfes politisch im Sinne der Nazis zu beeinflussen.

An einem Tag wurden die Fensterscheiben des Wertheimschen Hauses mit Steinen eingeworfen. Ein anderes Mal ist Erich Wertheim – er war damals 15 Jahre alt gewesen - von Gleichaltrigen verprügelt worden - nur weil er Jude war.

Dann wurde das Fahrrad von Isidor Wertheim gestohlen. Man hatte auf dem Hof das Kettenschloss aufgebrochen. Die Familie hat das Rad nie wieder gesehen.

Irmgards Familie und die Familie Hess lebten deshalb während dieser Zeit in ständiger Angst.

Und dennoch schrieb Isidor Wertheim einmal auch einen Brief an Adolf Hitler, in dem er ihn bat, der hörbehinderten Witwe Annchen Schmidt – Schmidts hatten den Dorfnamen „Wagnersch“, ein Hörrohr zur Verfügung zu stellen. Sie wohnte mit einem Sohn und der Tochter Elisabeth („Lisbeth“) direkt hinter dem Haus des Schuhmachermeisters Kuhn im 2. Stock.  

Bruder Erich hatte noch das Schwimmen im Marburger Luisa-Bad gelernt. Nach 1933  trauten sich die Eltern nicht, mit Irma in das Bad zu gehen, da sie befürchteten, dort Schwierigkeiten zu bekommen. In vielen öffentlichen Bädern in Deutschland war bereits seit dem Sommer 1933 Juden dort das Baden verboten worden. Schwimmen lernte Irmgard dann später in England.

Irmgard kann sich nicht mehr daran erinnern, wann ihr Vater seine Existenz als Viehhändler hat aufgeben müssen. Die Bauern hatten Angst, von ihm Vieh zu kaufen.

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                   Isidor Wertheim vor seinem Hof beim Jauchefahren in den 30er Jahren

Ab dem 26.1.1937 durften Juden keine Viehhändler mehr sein. Im Mai 1938 wurde gemeldet, dass alle jüdischen Viehhändler ihre Tätigkeit eingestellt hatten. Waren in Kurhessen 1933 noch 435 „arische“ und 360 jüdische Viehhändler registriert, so erlosch im Februar 1938 jegliche jüdische Beteiligung am Viehhandel.

Die Familie von Irmgard in Bürgeln hatte aber noch etwas Land im Betziesdorfer Feld direkt neben der Schlittenbahn, dem Rödchen, die Viehweide an der Ohm und den Gemüsegarten, die zwei Kühe und die Hühner, so dass sie in sehr bescheidenem Maße eine Lebensgrundlage hatten. Irmgard drückt es so aus: „Wir waren ja nicht so anspruchsvoll“. 

Irmgards Vater war der Meinung, dass die Nazis nicht ewig an der Macht bleiben konnten. „Der liebe Gott wird das nicht zulassen!“ Er fühlte sich und seine Familie auch dadurch geschützt, dass er als Weltkriegssoldat das Eiserne Kreuz verliehen bekommen hatte.

Die Familien Hess und Wertheim erkannten aber bald immer mehr, dass sie in Deutschland wohl doch keine Zukunft mehr hatten.

Erich Wertheim, der Sohn von Isidor und Berta, absolvierte nach seiner Schulzeit in Bürgeln mit 14 Jahren in Frankfurt eine Ausbildung zum Schlosser in einer jüdischen Einrichtung, die ihn dazu befähigen sollte, bessere Chancen für die Auswanderung in die USA zu bekommen.

     

ErichWertheim   JettchenMarx BEttyKatz 

Erich Wertheim                          Jettchen Marx 1937                              Betty Katz 1937

Zu Hause fasste er immer mit an, um seine Eltern bei der Landwirtschaft zu unterstützen. Er molk beispielsweise immer die Kühe mit der Hand, was für Irmgard zu schwer war.

1938 trat Erich die große Reise über den Atlantik an. Beim Abschied in Bürgeln waren alle froh darüber, dass er nun bald in Sicherheit sein würde. Irmgard und ihre Eltern konnten nicht ahnen, dass sie Erich – er war damals 16 Jahre alt - nie mehr wieder sehen würden.  

1936 oder 1937 – Irmgard kann sich nicht mehr an das genaue Jahr erinnern – gab es das Gerücht, dass Adolf Hitler nach Marburg kommen würde. In der Bürgelner Schule bereiteten sich Lehrer und Schüler darauf vor, dem „Führer“ beim Vorbeifahren der Wagenkolonne mit Hakenkreuzfähnchen am Chausseehaus zuzuwinken. Der Lehrer Wilhelm Hesse erkannte in der Schule sofort die peinliche Situation für Irmgard und sagte zu ihr, sie brauche nicht mit einem solchen Fähnchen zu winken. Sie solle stattdessen Blumen pflücken und sie am Ende eines Stockes befestigen. Mit dem könne sie dann winken. Adolf Hitler kam aber an diesem Tage nicht und so mussten alle unverrichteter Dinge wieder zur Schule zurück laufen.

Fast alle ihre Mitschülerinnen und Mitschüler waren Mitglieder im Jungvolk oder bei der Hitlerjugend bzw. dem BDM – dem Bund Deutscher Mädel. Irmgard wäre so gerne auch mit dabei gewesen. Sie blieb aber natürlich  außen vor, weil sie eine Jüdin war.

Am 27. August 1938 wurde in Bürgeln das 1. HJ-Heim im Landkreis Marburg eingeweiht. Mit dabei waren die höchsten Nazi-Funktionäre: Der Kreisleiter der NSDAP von Löwenstein und der Landrat  Krawielietzki. Die Hitlerjugend war angetreten und es wurden markige Reden gehalten.

In diesem Haus wurden die Jungen und Mädchen des Dorfes bei den wöchentlichen Nachmittagen und Heimabenden im nationalsozialistischen Gedankengut geschult. Teilnahme war Pflicht.

Volksschule Bürgeln 1937

Volksschule Bürgeln 1937: Irmgard ist das Mädchen mit den dunklen Haaren links neben dem Lehrer Bachmann

Dabei war Bürgeln eigentlich ein Dorf gewesen, das nicht so fanatisch nationalsozialistisch gewesen ist wie andere, wie Irmgard betont.

Auch in der Schule trugen die neu angeschafften nationalsozialistischen Unterrichtswerke ihren Teil zur Indoktrination der Bürgelner Kinder bei. In Ihnen wurde das politische System des Nationalsozialismus und seine Weltanschauung verherrlicht. Auch die Nazi-Schülerzeitschrift „Hilf mit!“ musste jeder Schüler besitzen. Im Unterricht wurden ganze Abschnitte daraus vorgelesen. Anschließend mussten die Schüler Aufsätze dazu verfassen.

All dies sollte unter anderem auch die Vorbehalte gegenüber den jüdischen Mitbürgern verstärken und den Hass auf sie schüren.

 Irmgard wurde immer mehr von ihren Klassen- und Spielkameradinnen geschnitten. Ab etwa 1937 war sie so gut wie völlig isoliert. Alle ihre Freundinnen bekamen von ihren Eltern verboten, mit ihr zu spielen. Wenn sie sich bei ihrer Mutter darüber beklagte, erwiderte diese: „Du hast doch mich!“ 

Auch die verbalen Ausfälle ihr gegenüber – heute würde man von Mobbing sprechen – nahmen in der Schule zu. Sie wurde sehr oft als „Judenstinker“ beschimpft. Auf dem Schulhof ließ man sie alleine stehen.

Als sie sich einmal 1937 – „in meiner großen Naivität“, wie sie später bekannte - über die Hänseleien ihrer Mitschüler bei ihrem verständnisvollen Lehrer Wilhelm Hesse beschwerte, habe er gesagt, er könne das leider nicht verhindern. Er riet ihr deshalb, auf die jüdische Schule nach Marburg zu wechseln. Sie hat noch am selben Tag ihren Eltern zu Hause von diesem Gespräch berichtet. Kurz danach ging sie dann auf die jüdische Schule in Marburg, die in der großen Synagoge an der Universitätsstraße untergebracht war. Dort unterrichtete der Lehrer Salomo Pfifferling acht Schulklassen in einem Raum.  

                      Salomo Pfifferling

Salomo Pfifferling mit seinen Schützlingen bei einem Schulausflug. Irma steht rechts neben ihm. Rechtshinter Irma steht – halb verdeckt – Martin Hess. Die meisten der Kinder wurden von den Nazis ermordet.

Im April 1938 mussten die Juden ihre Vermögensverhältnisse offenlegen. Nur einen Monat später erhielten sie keine öffentlichen Aufträge mehr.

Im August 1938 wurden alle Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland dazu verpflichtet, ihre Kinder nur noch jüdische Vornamen zu geben. Zusätzlich mussten alle Männer noch den Namen „Israel“ und die Frauen den Namen „Sarah“ als zweiten Vornamen benutzen. Irmgard hieß nun Irmgard Sarah Wertheim. Und sie bekamen als Staatenlose noch einen Stempel mit dem großen Buchstaben „J“ in ihren Pass gestempelt. Das Verschweigen dieses Zwangsvornamens wurde bestraft.

Am 8. November 1938 fanden Schüler der jüdischen Schule vor der Synagoge eine Flasche mit einer brennbaren Flüssigkeit. Man verständigte die Polizei und händigte ihnen den Gegenstand aus. Einen Tag später, in der Reichspogromnacht am 9. November 1938, wurden überall im Land die Synagogen verwüstet oder in Brand gesteckt. Auch die in Marburg. In der Nacht vom 9. Auf den 10. November entzündete die Marburger SA mit flüssigem Bohnerwachs das jüdische Gotteshaus in der Universitätsstraße. Zeitgleich wurden Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte in Marburg eingeschlagen und Waren auf die Straße geworfen.

Irmgard fuhr am nächsten Morgen mit der Bahn zu ihrer Schule nach Marburg. Als sie um den Rudolphsplatz bog, sah sie die lodernden Flammen in der Universitätsstraße. Die Feuerwehr war voll im Einsatz. Sie löschte nicht den Brand, sondern versuchte mit allen Mitteln zu verhindern, dass das Feuer von der brennenden Synagoge auf die angrenzenden Häuser übersprang. Irmgard war völlig erschüttert darüber, dass ihre wunderschöne Synagoge ein Opfer der Flammen wurde.

                                     Synagoge

                                  Die Marburger Synagoge in der Universitätsstraße

Sie blieb nicht lange an der Brandstelle, sondern machte sich schnell auf den Weg zu ihrer Tante Frieda Wertheim, die als Haushälterin bei dem alten Kaufmann Isaak Strauß in der Wettergasse 2 wohnte und arbeitete. Sie war in Bürgeln geboren und aufgewachsen. Um 1900 verkaufte ihr Vater das Haus in der Marburger Landstraße 34. Unterwegs zu Frieda Wertheim konnte Irmgard beobachten, wie Polizei jüdische Männer verhaftete. In  ihrer Naivität glaubte sie zunächst, sie würden verhaftet, weil sie eventuell die Synagoge in Brand gesteckt hätten! Insgesamt wurden an diesem Tag in der Stadt Marburg 31 jüdische Männer verhaftet.

                              FriederikeWertheim

Irmgards Tante Friederike (Frieda) Wertheim auf dem Kennkartenfoto von 1939. Sie wurde 1942 deportiert und in Treblinka ermordet.

Als sie am Nachmittag wieder ihr Elternhaus erreichte, rief sie ihrer Mutter schon auf der Hofeinfahrt zu, dass man die Synagoge in Marburg angesteckt hatte und jüdische Männer verhaftet würden.

Am nächsten Tag, Freitag, dem 11. November 1938 – Irma war gerade beim Bohnern des Wohnzimmers - klingelte der Dorfpolizist Behrend[1] aus Cölbe an der Haustür. Behrend war vor 1933 ein guter Freund von Isidor gewesen. Er sagte, dass er schon am Vortag habe kommen sollen. Er habe das aber unterlassen, weil er wusste, dass Irmgards Vater noch einen wichtigen Termin gehabt habe. Er sei nach Bürgeln gekommen, um ihn zu verhaften. Hatte Behrend gehofft, dass sich Isidor – mit einem Vorsprung von einem Tag -  inzwischen in Sicherheit gebracht haben könnte?

Man brachte ihn mit den anderen jüdischen Männern des Landkreises Marburg mit der Bahn nach Kassel und von dort in das Konzentrationslager Buchenwald. Albert Hess blieb dieses Schicksal – vermutlich wegen seiner Kriegsverletzung – erspart.

Am nächsten Tag lief Irmgard mit ihrer Mutter zu ihren Verwandten nach Kirchhain. Adolf Wertheim war nicht mehr bei seiner Familie. Am Abend des 9. November hatten ihn Nazis in seinem Haus unter der Führung eines fanatischen SS-Mannes halbtot geschlagen, so dass man ihn nach Marburg ins Krankenhaus bringen musste. Erst nach 5 Wochen wurde er entlassen. Von diesem Vorfall hatte man Irmgard aber bei dem Besuch aber nichts erzählt.

Da es nun keinen Schulraum mehr in Marburg für die jüdischen Schülerinnen und Schüler gab, erklärte sich eine Frau Bornstein in Marburg bereit, ein Zimmer ihrer Wohnung für den Unterricht zur Verfügung zu stellen.

         

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Adolf Wertheim mit seinen beiden Kindern Martin und Carola auf den Kennkartenfotos von 1939. Sie alle wurden mit  Betty Wertheim, der Mutter von Martin und Carola, 1942 im Ghetto Lublin ermordet

Der Dirigent des Männergesangvereins, Fritz Windel, der den Chor von 1921 bis 1937 geleitet hatte, sagte nach dem Synagogenbrand zu Berta Wertheim, er habe die brennende Synagoge in Marburg gesehen. Er wohnte in der direkten Nachbarschaft, im Haus Untergasse Nr. 8. Der Anblick sei für ihn unerträglich gewesen. „Eine furchtbare Geschichte“ habe er gesagt. Wie viele Marburger hatten wohl ähnlich gefühlt?

Ab Mitte November 1938 schlossen die Behörden jüdische Kinder vom Besuch deutscher Schulen aus. Aber da war Irmgard ja schon auf der Marburger jüdischen Schule. Im Februar 1939 kam Isidor Wertheim mitten in der Nacht mit der Bahn - “schmutzig und abgemagert” berichtete Irmgard - wieder zu Hause in Bürgeln an. Von dem Fahrgeld hatte er noch etwas übrig. Davon hatte er noch ein Täfelchen Schokolade “für sein kleines Mädchen” Irmgard gekauft.   

           

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Isidor Wertheim um 1930 und nach seinem Aufenthalt in Buchenwald

Isidor Wertheim kam als leidender und gebrochener Mann zurück zu seiner Familie zurück. Die Erfahrungen im Lager – man hatte ihn dort schwer misshandelt - hatten aus ihm einen anderen Menschen gemacht. „Der Mann auf dem Foto von 1939 war nicht mehr mein Vater, wie ich ihn zuvor gekannt hatte. Er sah auch anders aus“, erzählte Irmgard mir später.

Hatte er sich vor seiner Verhaftung noch zuversichtlich gezeigt, die Familie werde die Nazizeit überstehen können, so änderte er nun seine Meinung. Er betrieb umgehend die Auswanderung seiner Familie.

Martin Hess, der 15jährige Cousin von Irmgard, versuchte am 13.Mai 1939, zusammen mit 905 verfolgten Jüdinnen und Juden – darunter viele ehemalige KZ-Häftlinge - von Hamburg aus mit dem Dampfer „St. Louis“ nach Kuba zu gelangen, um von dort aus die USA zu erreichen, wo sich seine Geschwister bereits befanden.

Da die Einreisegenehmigungen für den Transit von der neuen Regierung in Kuba für ungültig erklärt wurden, musste das Schiff  mit fast allen Passagieren – 23 durften die St.Louis verlassen – wieder zurück fahren. Der deutsche Kapitän Gustav Schröder versuchte die Passagiere in Florida an Land zu bringen. Dies gelang ihm ebenso wenig wie die Erlaubnis, die verfolgten Menschen nach Kanada zu bringen. Die jüdischen Passagiere befürchteten, in Deutschland in KZ´s eingeliefert zu werden. Sie gerieten zum Teil in Panik und drohten mit Massenselbstmord oder Meuterei. Nach zähen Verhandlungen mit seiner Reederei hatte Kapitän Schröder damit Erfolg, seine Passagiere in Antwerpen von Bord gehen lassen zu dürfen. Nur einem Viertel von ihnen gelang die Einreise nach Großbritannien. Die restlichen wurden auf Frankreich, Belgien und die Niederlanden verteilt, wo fast alle von ihnen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet und in die Vernichtungslager deportiert wurden. 

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                        Das Dampfschiff St. Louis in Havanna 1939

Albert und Berta Hess, die am 24.5.1939 in die USA auswandern konnten, hatten sofort Erfolg damit, ihren Sohn Martin von Holland aus - noch nach Kriegsbeginn - zu sich in die USA zu holen.

Als die Ausreisepapiere nach England in Bürgeln eintrafen, packten sie unter der Aufsicht eines Marburger Beamten die Koffer. „Bitte verpacken Sie keien Gold- oder Silbersachen. Ich müsste sie Ihnen dann konfiszieren,“ sagte er sichtlich betroffen zu ihnen.   

Am 2. August 1939 gingen Isidor und Berta Wertheim mit ihrer Tochter Irmgard zum Bürgelner Bahnhof. Kurz vor dem Bahnhof verabschiedete sich noch Wilhelmine Seibel, die Frau des örtlichen Metzgers, von ihnen. Sie war die einzige Person aus Bürgeln, die sich das traute.

Heinrich Heimrich, der Klassenkamerad von Irmgard, schreibt dazu in seiner Dorfchronik: „Das Unglück, welches der Nazi-Terror in Deutschland über diese Familien gebracht hat, ist nicht wieder gutzumachen. (…) Ich kann noch aus meiner eigenen jugendlichen Erinnerung überliefern, dass einige Aktivisten der Nazi-Organisationen vor den Judenhäusern abends die Familien mit antijüdischen Parolen belästigten und beschimpften. Die zunehmende Entrechtung und fortschreitende Diskriminierung in den 1930er Jahren führten schließlich dazu, dass unsere beiden jüdischen Familien Wertheim und Hess Deutschland 1939 verließen und nach England und die USA flüchteten.“ 

Es gelang Irmgard, Berta und Isidor Wertheim, von Ostende aus  mit einem Schiff London zu erreichen. Die ersten beiden Tage verbrachten sie bei einem Cousin von Isidor Wertheim in London. Dann  wurden sie in die Grafschaft Leicestershire in Mittelengland weitergeleitet, wo die Familie ein Zimmer in einer großen Farm zugewiesen bekam. Isidor Wertheim arbeitete dort als Arbeiter auf der Farm, die schon über eine  elektrische Melkanlage verfügte. Er musste aber nach dem Melken die Kühe noch mit der Hand ausmelken, damit sie keine Euterentzündung bekamen.

Als sie nach England kamen, sprachen sie natürlich kein Englisch. Einmal fragte man sie, ob sie Jiddisch sprechen könnten. „Jiddisch? Wir hatten noch nie etwas davon gehört!“

Zu Hause wurde ausschließlich Deutsch gesprochen. Hebräisch kannten sie nur – auswendig gelernt - aus Abschnitten der Thora, Psalmen und Gebeten sowie Redewendungen aus den Gottesdiensten in der Synagoge. Und es gab natürlich eine ganze Reihe jüdischer Wörter, Begriffe und Zahlen auf Hebräisch.

Der Farmer behandelte sie nicht gut. Die Entlohnung erfolgte zumeist in Naturalien. „Ihr könnt froh sein, dass Ihr überhaupt hier seid!“, hatte er ihnen einmal gesagt. Erst auf Druck der Behörden ließ er Isidor Wertheim krankenversichern. Berta Wertheim bekam eine Stelle als Haushaltshilfe bei einer Fabrikantenfamilie.

Irmgard ging zur Schule und erlernte neben der englischen Sprache auch Grundlagen der Bürowirtschaft.

Die Einwanderungsgenehmigung für die USA ließ allerdings auf sich warten.

1940 beschloss die britische Regierung, alle männlichen deutschen Emigranten als „feindliche Ausländer“ zu internieren. Das galt auch für alle geflüchteten Juden und politische Gegner des Naziregimes aus Deutschland.

Isidor und Berta Wertheim wurden Ende Mai 1940 in das Internierungslager auf der Isle of Man gebracht. Auch Siegfried Katz, der Sohn von Betty, Irmgards Cousin, der Siggi genannt wurde,  kam in das Lager, in welches später auch deutsche Kriegsgefangene eingeliefert wurden. Als diese herausgefunden hatten, dass Siggi Jude war, haben sie ihn ständig verhöhnt und beschimpft. Und wieder wurde das Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt…“ intoniert. Siggi wurde dann später mit den deutschen Soldaten nach Kanada transportiert. Unterwegs dorthin hatte man ihn aber von der Soldateska getrennt. Siggi lebt heute noch mit über 90 Jahren in Kanada. Seinen Familiennamen Katz hat er in Keats umbenannt. Seine deutsche Heimat wollte er nie mehr wiedersehen.

Als ihre Eltern auf die Isle of Man transportiert wurden, brachte man Irmgard in einer englischen Familie in Kent unter. Die Hausherrin entschied, dass Irmgard kein englischer Name sei. Sie redete sie nur noch mit Mary an. Und sie befahl Irma, ihre deutschen Kleider abzulegen. Dafür bekam sie neue englische. Als sie sich im  Spiegel ansah, konnte sie sich nicht mehr als Irmgard Wertheim erkennen. Das muss eine traumatische Erfahrung für sie gewesen sein, wie sie später ihrer deutschen Freundin Gundula Ullrich anvertraute.

Die streng gläubigen Anglikaner nahmen sie jeden Sonntag mit in die Kirche und wollten auch, dass sie zum Christentum übertreten solle. Der einsichtige Pastor sagte ihnen aber, dass man dies - so lange die Eltern noch lebten - auf keinen Fall tun.

             

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Die Schwestern von Isidor Wertheim: Frieda Gunzenhäuser mit ihren Kindern Metty, Irene und Sally, daneben Jettchen Marx mit ihrer Tochter Hedwig

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        Betty Katz, ihre Tochter Irene (die Person links) mit ihrer Freundin sowie Max Katz 1939

Da Isidor Asthmatiker war, wurde er mit seiner Frau Berta innerhalb eines Jahres wieder aufs Festland in die Freiheit entlassen. Irma war dann wieder mit ihren Eltern vereint. Sie hatte damals schon angefangen, in einem Büro zu arbeiten.

Isidor arbeitete dann auf einer anderen Farm. Er konnte aber nur noch leichtere Tätigkeiten ausüben.

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                                    Erich Wertheim als US-Soldat

Im April 1945 erhielten sie dann die Nachricht, dass ihr Bruder und Sohn Erich Wertheim als US-Soldat bei der Befreiung Manilas von den Japanern auf den Philippinen gefallen war. Er wurde nur 23 Jahre alt. Welcher Verlust für die Familie!

Im Juni erfuhren sie, dass Isidors Schwester Frieda Gunzenhäuser mit ihrem Mann Hely – beide wohnten in Laasphe - sowie seine Cousine Jettchen Marx und seine Cousine Frieda Wertheim 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden. Sie bekamen auch die Mitteilung, dass Betty Katz, die andere Schwester von Isidor, mit ihrem Mann Max und der Tochter Irene am 30. September am selben Ort dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen waren.

Das alles war wohl zu viel für Isidor Wertheim gewesen. Zwei Monate später kam er an einem Freitagabend aus der Synagoge zurück. In der folgenden Nacht starb er mit 54 Jahren im September 1945 an einem Herzinfarkt. Er wurde auf einem Friedhof in der Nähe von Newcastle beerdigt. Das Grab wird heute noch gepflegt.

 

Irma 1946  berta 1946 

                 Endlich in den USA! Irma und Berta Wertheim 1946

Als ihr Vater starb, sagte ihre Mutter zu Irmgard: „Ich muss jetzt für Dich leben!“ Als sie mir davon berichtete, zitierte Irma das Gedicht: „Wenn Du noch eine Mutter hast, so danke Gott und sei zufrieden. Nicht jedem auf dem Erdenrund ist dieses große Glück beschieden!“

Ein Jahr darauf erhielten Berta und Irma Wertheim die erforderlichen Papiere für die Einreise in die USA. Im August 1946 erreichten sie mit dem Schiff „Queen Elizabeth“ New York.

Als sie in New York mit der „Queen Elizabeth“ 1946 die Freiheitsstatue passierten, war es Nacht. Sie konnten deshalb das Symbol ihrer Rettung nicht sehen. Das habe sie später nachgeholt, erzählte sie mir. Am Kai standen Martin Hess mit seinem Bruder Fritz und dessen Frau. Sie haben heftig gewunken, als sie ihre beiden Verwandten aus Bürgeln an der Reling erkannten. Es dauerte aber sehr lange, bis sie von Bord gehen konnten. „Du siehst ja gar nicht aus wie eine Amerikanerin!“ sagte Martin zu Irmgard. Dann nahm er sie bei der Hand und ging mit ihr in ein Bekleidungsgeschäft, wo sie neu eingekleidet wurde.

Irmgard lernte in den USA den deutschstämmigen Juden Lothar „Lou“ Pretsfelder aus Fürth kennen und lieben. Lou war schon im Jahr 1933, nach dem Machtantritt der Nazis, angewidert von dem Judenhass auf der Straße, in die USA geflohen. Er sprach fast akzentfrei Englisch. Seine jüngere Schwester war in Fürth Klassenkameradin von Henry Kissinger gewesen, der – wie Irma äußerte, Englisch mit „einem grässlichen Akzent“ spricht.

Mit Lou hat Irma 2 Kinder: Shelly und Jeffrey. Mit Lou hat Irma fast nur Englisch gesprochen, manchmal aber auch Deutsch. Mit ihrer Mutter sprach Irma ausschließlich Deutsch. „Das war doch meine Muttersprache“, sagte sie mir.  „Englisch hätte nicht ehrlich genug geklungen.“

Lou Pretsfelder starb 2014 mit 97 Jahren. Bis zum Schluss war er noch glockenklar im Kopf gewesen. Genau so wie ihre Mutter Berta, die 98jährig im Jahre 1990 starb. Kurz vor ihrem Tod hat sie noch ihrer Tochter gesagt: „Der liebe Gott hat immer seine Hand über Dich gehalten!“ Eine halbe Stunde später war sie sanft eingeschlafen.

Irma – so nennt sie sich seit Jahren – lebt in Baltimore USA.

Irma hat eine sehr Verbindung zu ihrem Cousin Siegfried Katz – Siggi Keats nennt er sich heute. Er ist der Sohn ihrer Tante Betty, der Schwester von Irmas Vater Isidor. Sie telefonieren jeder Woche mindestens einmal miteinander. Im Januar 2016 klingelte bei mir das Telefon. „Irma hatte mir gesagt, ich solle unbedingt einmal mit Ihnen sprechen!“ Es war Siggi. Er verbringt die kalte Jahreszeit (November bis April) immer in seinem  

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                                   Siggi Keats 2012

Appartement in Florida, das er sich „sehr billig“ vor 25 Jahren gekauift hatte. Es liegt direkt am Strand. Er mailte mir nach dem Gespräch ein Foto, das er mit seinem Smartphone aufgenommen hatte. Er ist jetzt 93 Jahre alt. Seine Mutter Betty geb. Wertheim, die Schwester von Isidor, sein Vater Max und seine Schwester Irene wurden von den Nazis 1942 in Treblinka ermordet. Er hat als einziger seiner Familie überlebt.

Er war aus dem Internierungslager auf der Isle of Man mit anderen Deutschen, darunter vielen Nazis, die im Lager das Lied „Wenn das Judenblut…“ gesungen hatten, als sie bemerkten dass er Jude war. Auf dem Transport nach Kanada wurde er von ihnen getrennt. Nach kurzer Zeit wurde er wieder entlassen und kam nach England zurück. Er diente in der Britischen Armee in einer technischen Einheit.

Nach dem Krieg studierte er 3 Jahre an einer technischen Uni in London. Dort lernte er seine spätere kanadische Frau kennen. Sie bekamen Kinder und zogen nach Montreal. Dort eröffnete er eine Fabrik für Plastikflaschen, mit der er viel Geld verdiente. Oft fuhr er nach Deutschland, weil dort die Firmen waren, die die Maschinen für seine Fabrik bauten. Er besuchte dann auch regelmäßig seine Klassenkameraden in Watzenborn. Heute lebt keiner mehr von ihnen.

Sein Heimatdorf Watzenborn sei das musikalischste Dorf Deutschlands, berichtete er mir. Es gebe dort mindestens 5 Gesangvereine und das schon seit vielen Jahrzehnten! Nach dem Telefonat machte ich eine kurze Internetrecherche. Es stimmte alles, was mir Siggi erzählt hatte. Dann fragte er mich.: „Was machen 2 Deutsche, die sich im Ausland treffen?“ „Keine Ahnung!“ sage ich. „Sie gründen einen Gesangverein!“

Sigi redet so ähnlich wie Irma: Sehr lebendig und sprachlich gewandt. Er benutzte nur in Ausnahmefällen Englisch, um sich auszudrücken. Er liebt es, Witze zu erzählen. Berta hat ihn sehr gemocht. „Alles, was Siggi sagte, fand sie gut!“ erzählte mir Irma.

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Irma (rechts) mit ihrer Mutter Berta Wertheim (Mitte) und Lore Adler am 90.  Geburtstag von Berta Wertheim 1992 in Baltimore

Jahrelang hat Irma davon geträumt, vor Bürgeln zu stehen, aber nicht hineingehen zu können. Erst als Shelly Mitte der Achtziger Jahre dort gewesen ist, habe sie das nicht mehr geträumt. Sie habe auch zuvor eine psychoanlalytische Therapie gehabt, wo man sich mit diesem Traum befasst hatte.

Bürgeln hat sie drei Mal besucht – zwischen 1988 und 1998 - und sich mit ihren ehemaligen Klassenkameradinnen und –kameraden getroffen. Sie telefoniert auch noch regelmäßig mit ihrer alten Schulfreundin Anna Busch, dem Dorfchronisten Heinrich Heimrich sowie mit Elli Krantz, der Witwe ihres alten Klassenkameradens Christian Krantz. Von ihrer alten Bürgelner Schulklasse leben jetzt (2016) nur noch vier.

„Bei den Besuchen in Bürgeln hat nie jemand zu mir gesagt, dass es ihm Leid tue, was uns passiert ist!“ beklagte sie sich einmal bei mir. „Auch haben sie nie danach gefragt, was wir dabei gefühlt haben oder was uns alles passiert ist.“  Ich entgegnete ihr, dass bestimmt bei allen ehemaligen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden eine Scham über das, was geschehen war, vorhanden gewesen sei. Ihren Besuch habe man als Geste verstanden, dass sie ihnen vergeben habe. Deshalb habe man auch nicht mehr die alten Dinge, die geschehen sind, wieder aufgegriffen, um sie nicht zu verletzen. Das hat Irma verstanden.

Wie sehr Irmas Schicksal und das ihrer Familie manche berührt hat, sieht man vor allem an Heinrich Heimrichs Teil seiner Ortsgeschichte, die von den jüdischen Bürgern in Bürgeln handelt.

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Irma und Anna Busch 1998

Die ehemaligen Bürgelner Klassenkameradinnen und -kameraden haben sich auch Briefe und Karten geschickt. Irma schrieb 2005 an Heinrich Heimrich. „Es ist immer schön, von seinen Schulfreunden zu hören. Nachdem meine liebe Mutter und Erna Hess gestorben sind, wird mein Deutsch allerdings selten geübt.“ Es machte ihr schon Probleme, sich in flüssigem Deutsch schriftlich auszudrücken. Aber sie berichtete auch in einem Brief an Heinrich Heimrich, dass sie regelmäßig mit Anna Busch telefoniert.

Heinrich Heimrich hat im Dezember 2006 Irmgard geschrieben: „Ich vermag es kaum zu begreifen, dass nun schon 80 Jahre vergangen sind, aus denen wir schöne Jugenderinnerungen schöpfen können, aber Du auch viel Leidvolles erleben musstest. Ich bin froh und dankbar, dass wir trotzdem heute noch Kontakt miteinander haben.“

Als in den USA ihre Cousine Erna starb, erbte sie von ihr eine Bürgelner Trachtenpuppe mit der protestantischen Tracht. Ein sehr kostbares Stück, wurde sie doch in vielen Stunden in Handarbeit fertig gestellt. Irma hält bis auf den heutigen Tag diese Puppe in Ehren, auch wenn die Gummiteile spröde geworden sind, wie sie sagt.

Sehr gerne würde sie noch einmal Bürgeln sehen. Denn je älter sie wird, desto mehr kommen die Erinnerungen an ihre Kindheit wieder hoch - auch sehr viele schöne.

     klassentreffen

Klassentreffen in Bürgeln 1998. Irma Pretsfelder ist die zweite von rechts in der ersten Reihe. Links hinter ihr steht Heinrich Heimrich, der Verfasser der Dorfchronik. Rechts neben Irma steht ihre Freundin Anna Busch.

Sie kann sich noch an jeden Winkel ihres alten Elternhauses, das jetzt nicht mehr steht, erinnern. Und sie kann sich noch an den Geschmack von frischem Zwetschgenkuchen erinnern.

Irma fallen immer noch sehr viele deutsche Volkslieder und Gedichte ein. Die Lieder hört sie sich dann oft auf youtube an. Sie ist noch in der Lage, ganze Verse von Schillers „Glocke“ oder von Liedern wie „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ deklamieren.

Einmal zitierte sie auch ein Lied, das auch von Marlene Dietrich gesungen wurde:  „Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen. Ei warum? Ei darum! Ei warum? Ei darum! Ei bloß wegen dem Schingderassa, Bumderassasa! Ei bloß wegen dem Schingderassa, Bumderassasa!“

Irma erzählte mir, dass viele Überlebende nach ihren Erfahrungen mit den Nazis entschieden hatten, kein Deutsch mehr zu sprechen oder nie wieder Deutschland zu besuchen. Ihr Mann Lou habe aber VW gefahren. „Warum fährst Du nach alledem einen Volkswagen?“ sei er oft gefragt worden. Er habe es trotzdem weiter getan. Deutschland hat er aber nie wieder besucht.

„Was ist das für ein Geräusch?“ fragt sie mich ein anderes Mal, als unsere Wohnzimmer-Uhr schlägt. „Ich habe auch eine solche Uhr. Ich habe sie aber überdreht. Es gibt hier leider keinen Uhrmacher, der sie reparieren kann. Jetzt hängt sie nur noch als Dekoration an der Wand!“ Erinnerungen an Deutschland …

Manchmal nimmt Irma auch das jüdische Gebetbuch ihres Vaters zur Hand. Am Ende steht: „Bete für Deutschland, Dein Heimatland, das Land, wo Deine Wiege stand.“

           ShelleyIrmaLou

                                      Shelly Pretsfelder mit ihren Eltern Irma und Lou

Mein Stolpersteinprojekt hat sie von Anfang an mit großer Anteilnehme verfolgt. Als ich ihr von den Mails und Telefonanrufen von bereitwilligen Paten berichte, ist sie sprachlos. Ich berichte ihr von Ernst Fehler aus Bürgeln, dessen Mutter immer als am Sabbat das Feuer bei Hessens angemacht hat. „Eine Schabbes-Goi!“ ruft sie aus. So bezeichnete man die Nicht-Juden, die immer am Schabbes das Feuer oder das Licht im Haus angemacht haben. Irma will wissen, welchen Mädchennamen die Mutter von Ernst hatte. „Sie war eine geborene Heck!“ Damit konnte sie nichts anfangen. Dann sagte ich ihr: „Zum Andenken an die Familie Heß will Ernst die Patenschaft für Albert Heß´Stolperstein übernehmen.“ Da fängt Irma an zu weinen. „Das ist so unglaublich!“, sagt sie fassungslos.

Ihr Schulfreund Heinrich Heimrich hat auch eine großzügige Spende für das Stolpersteinprojekt gemacht, worüber sie sich sehr gefreut hat. Auch der Text der Grußadresse von Heinrich Heimrich hat sie sehr berührt.

Am 3.5.2016 wurden in Bürgeln 13 Stolpersteine für die Angehörigen der Familien Wertheim und Heß verlegt. Anwesend waren Volkeer Carle, der Bürgermeister von Cölbe, Jörg Block, der Ortsvorsteher von Bürgeln, Hermann Köhler, der Dekan des Kirchenkreises Marburg-Kirchhein, die Pfarrer Bürgelns, Dr. Alexander Prieur und Berit Hartmann sowie Amnon Orbach, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Marburg. Bei strömenden Regen nahmen etwa 50 Personen an diesem Dienstagmorgen an der feierlichen Verlegung teil, bei der der geflohenen und ermordeten jüdischen Mitbürger gedacht wurde. Unter ihnen  auch Anna Busch, die ehemalige Klassenkameradin und Freundin von Irma. Zu jedem einzelnen Mitglied der Familien Wertheim und Heß wurden biographische Daten sowie Informationen zu ihrem Leben von Ernst Fehler und mir gegeben. Und es wurden vergrößerte Fotos aller Menschen gezeigt, derer man gedachte. Am Ende betete Amnon Orbach das Kaddisch für die Verstorbenen.

Heinrich Heimrich ließ einen Blumen-Pflanztopf vor den Stolpersteinen der Familie Heß aufstellen.

   

 denning  AmnonOrbach

Gunter Demnig bei der Verlegung des Stolpersteines für Frieda Wertheim. Rechts daneben betet Amnon Orbach das Kaddisch. Links von ihm steht Anna Busch

Auf der Heimfahrt nach Marburg sagte Amnon Orbach, er habe schon an über 20 Stolpersteinverlegungen teilgenommen. Diese in Bürgeln habe ihn am meisten beeindruckt.

 

wohnhaus  Stolpersteine 

Die 6 Stolpersteine vor dem ehemaligen Wertheimschen Anwesen. Das Wohnhaus wurde 1970 neu errichtet

Die Nachricht vom Tode Heinrich Heimrichs – er starb am 1. Juli 2016 - hat sie sehr traurig gemacht. Jetzt lebten nur noch Gotthard Lange, Anna Busch und sie von ihrer Bürgelner Schulklasse. Im November 2016 starb dann auch Anna Busch. Ihr Tod hat sie sehr betroffen gemacht. „Ich habe doch erst vor zwei Wochen mit ihr telefoniert. Da ging es ihr doch noch ganz gut! - Jetzt habe ich nur noch Dich, mit dem ich Deutsch sprechen kann!“

  gedenktafel

Enthüllung der Gedenktafel mit Bürgermeister Volker Carle (rechts) und dem Ortsbeiratsvorsitzenden Jörg Block am 27.1.2017

Der Ortsbeirat von Bürgeln sowie das Gemeindeparlament der Großgemeinde Cölbe haben jeweils einstimmig der Aufhängung einer Gedenktafel in der Bürgelner Mehrzweckhalle zugestimmt. Die Aufhängung der Gedenktafel zur Erinnerung an die jüdischen Familien von Bürgeln am 27.1.2017 – dem Holocaust-Gedenktatg - hat Irma emotional sehr berührt. „Ich kann das alles noch gar nicht fassen!“

       demo

         Irma mit Shelly (links) und Marissa am 4.3.2017 in Philadelphia

Am 4.März 2017 ist sie – nach den Schändungen jüdischer Friedhöfe in den USA – mit ihrer Tochter Shelly und ihrer Enkelin Marissa auf einer Demonstration für Toleranz und  eine multireligiöse und gewaltfreie Gesellschaft in Philadelphia auf die Straße gegangen. Die Demonstration war von einem überkonfessionellen Bündnis – Christen, Moslems und Juden – organisiert worden.

Irma ist mit ihren 90 Jahren ein sehr aktives Mitglied ihrer jüdischen Gemeinde in Baltimore. „Mein Mann hat mir gesagt: Ich kaufe Dir noch eine Chauffeurmütze!“ Er spielte damit auf ihre Fahrdienste an, die sie für ihre Freundinnen leistet. Das ist auch  heute noch so – mit ihren 90 Jahren. Im März 2017 sagte sie mir: „Heute muss ich zweimal Freundinnen kutschieren. Eine heute früh, die andere heute Nachmittag.“ – „Ich kann einfach nicht Nein sagen!“

Am Muttertag 2016 gab es in Philadelphia ein großes Familientreffen, an dem alle Kinder, Enkel und Urenkel von Irma teilnahmen. Im Mittelpunkt stand – natürlich – Irma.

familie

Muttertag 2016: Irma im Kreis ihrer Familie. Links neben ihr sitzt ihre Tochter Shelly. Hinter Shelly steht ihr Sohn Jeffrey, Irmas Sohn. Ganz links oben ist Shellys Mann zusehen. Neben Shelly sitzen ihre Töchter, ganz links ihre Schwiegertochter. Hinten in der Mitte Shellys Sohn.

Wenn man das Foto all dieser glücklichen Menschen sieht, überkommt einen ein Gefühl der Genugtuung.  Irma hat überlebt. Und mit ihr ihre Familie Das Leben hat über die Barbarei triumphiert.

Verfasser: Hans Junker, Oberstudienrat i.R.

 

[1] Nach allem, was ich über den Cölber Dienststellenleiter Behrend erfahren und recherchiert habe, muss es sich um einen sehr human denkenden und handelnden Menschen gehandelt haben. Einen Tag vor der Deportation der Sinti-Familie Strauß 1943 in Cölbe hat er beispielsweise – wohl unmittelbar nach dem Erhalt des Befehls - die Familie gebeten, sofort unterzutauchen. „Wohin sollen wir denn gehen?“ fragte verzweifelt der Familienvater Adam Strauß.