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Praktikum in Deutschland soll die Berufschancen erhöhen
Junge Polen aus Koscierzyna absolvierten ein vierwöchiges Praktikum
Im Rahmen des Austauschprogramms „Leonardo da Vinci“ sind im Oktober 2011 15 junge Leute aus Cölbes polnischer Partnerstadt Koscierzyna im Landkreis Marburg-Biedenkopf zu Gast gewesen. Vier Wochen lang absolvierten die acht angehenden Köche und sieben zukünftigen Verwaltungsfachangestellten Praktika, um ihre Berufschancen zu erhöhen; erlebten aber auch ein umfangreiches Rahmenprogramm.
„Vom Deutschlandpraktikum in den Traumberuf“ lautete das Motto der jungen Polen, die an dem Projekt teilnahmen, das von Cölbes Jugendpfleger Johannes Kirschning koordiniert wurde und am 28. Oktober 2011 endete. Eine der Ansprechpartner mit Polnischkenntnissen, die ehrenamtlich mitgearbeitet haben, war Aga Sauerwald. Weitere wichtige Unterstützer habe sie in der gebürtigen Polin Malgorzata Lemanczyk und deren Tochter Marta gehabt, die viel bei den Aktionen rund um den Aufenthalt geleistet hätten, betonte Sauerwald.
Wie sie berichtete, hätte die Schule der Jugendlichen, die alle 18 Jahre alt sind, sich bereits zweimal erfolglos für das EU-Projekt beworben. Es handele sich um eine Einrichtung, ähnlich einem Gymnasium, in der allerdings eine Berufsausbildung mit dem Abitur abgeschlossen werde. Anlässlich des in 2011 stattgefundenen 20-jährigen Jubiläums der Partnerschaft zu Cölbe - die Beziehung des dazugehörigen Kreises mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf besteht genau halb so lange und wurde ebenfalls groß gefeiert - habe sich das Wirtschaftstechnikum, so die genaue Bezeichnung, an die Gemeinde Cölbe gewandt und um Unterstützung gebeten. Dort habe man sich sehr interessiert gezeigt und nun habe es endlich geklappt.
Es sei ein richtig großes Projekt, betonte Sauerwald, schließlich müssten zunächst Praktikumstellen gesucht und gefunden werden, und zudem werde ein umfassendes Bildungs- und Freizeitprogramm verlangt. Unterstützung hat die Gemeinde dabei auch vom Landkreis erhalten, der selbst drei Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt hat. Arbeitsplätze konnten für die jungen Polen in vielen Kommunen des Landkreises gefunden werden. Untergebracht waren sie in der Jugendherberge in Marburg. Die liege zentral, so dass alles schnell erreichbar sei und zudem könnten die Gäste abends auch ein wenig in der Universitätsstadt ausgehen.
Betreut wurden die jungen Polen von Deutschlehrerin Janina Lacka. Sie kennt Cölbe und die Umgebung ganz genau. In den vergangenen Jahren sei sie ein paar Mal als Touristin dagewesen, aber ihre Kenntnisse der hiesigen Begebenheiten liegen tiefer. Denn, so erzählte sie, vor mittlerweile zwölf Jahren habe sie ihre Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Gemeinde Cölbe gemacht. Damals habe sie sich im Rahmen der Partnerschaft auf die Stelle beworben und sei angenommen worden. Zuhause in Ko?cierzyna habe sie später ein Deutschstudium absolviert und sei Lehrerin geworden. Ein schöner Kreislauf, befand sie. Und es sei besonders schön, dass die Deutschen noch genauso gastfreundlich und offen seien wie vor zwölf Jahren, und die Schüler deshalb dieselben guten Erfahrungen machen dürften, wie sie seinerzeit. „Das ist eine tolle Sache, finde ich“.
Das bestätigte die angehende Köchin Justyna Kazikowska, „alle waren sehr nett zu mir“. Und Lukasz Willich, der bei einem Cölber Unternehmen sein Praktikum in der Verwaltung macht, zeigte sich von der Offenheit der Deutschen beim Empfang begeistert. Die jungen Polen waren laut Sauerwald zunächst noch etwas zurückhaltend. Grund sei das Vorurteil vom Deutschen gewesen, der grundsätzlich eher distanziert und kritisch seinen Mitmenschen gegenübertrete. Das sei jedoch schnell revidiert worden.
Und auch von der praktischen Seite zeigten die Schüler sich durchweg begeistert. So berichtete Justyna Kazikowska, dass sie beeindruckt sei von der Ausstattung, die sie in deutschen Küchen vorfinde. Allerdings habe sie bereits einen entscheidenden Unterschied zwischen der deutschen und der polnischen Küche festgestellt. Während in ihrem Heimatland vorwiegend deftig mit viel Fleisch gekocht werde, gebe es hier in der Gastronomie eher leichte Kost, beispielsweise Salat zum Mittagessen, Kartoffeln vermisse sie da auch. Ein Lieblingsgericht habe sie bei ihrer Arbeit bereits gefunden: Eine Art Erdbeermousse sei sehr lecker.
Jägerschnitzel ist dagegen das deutsche Lieblingsgericht ihres Kollegen Dawid Lichosz. „Das erinnert mich schon an Polen“. Aber gleichwohl nehme er jede Menge Erfahrungen mit. Die Art zu würzen sei beispielsweise völlig anders.
In seinem Verwaltungsjob ist Lukasz Willich aufgefallen, dass die Deutschen immer sehr genau und ordentlich arbeiten würden. „Arbeit wird gepflegt und gewissenhaft ausgeführt“. Die Kollegen würden jede Zigarettenpause von der Arbeitszeit abziehen, so etwas habe er noch nicht erlebt. Aber nicht nur die Polen würden positive Erfahrungen mitnehmen, betonte Sauerwald. Sie nehme mit, dass es keinerlei Probleme mit den jungen Leuten gegeben habe und auch alle Arbeitgeber würden sich positiv über Ausbildungsstand und Motivation äußern. Einer habe sogar berichtet, sein Praktikant fühle sich unterfordert. Das einzige, was sie eventuell bemängelt würde, sei im Bereich der Verwaltung die mangelnde Kenntnis deutscher Fachbegriffe. Es habe in Polen noch extra einen Intensivkurs gegeben und die jungen Menschen könnten auch perfekt nach dem Weg fragen oder erzählen, wie es ihnen gehe. Aber vielleicht könne zum nächsten Mal noch nachgebessert werden, sodass Begriffe wie Ordner oder Locher auch präsent seien.
Für die Jugendlichen sei Deutschland zum einen Abenteuer, zumal in Polen leider Deutsch nach Englisch erst zweite Fremdsprache sei, betonte Lacka. Aber durch die erworbenen Erfahrungen, die sie später bei potentiellen Arbeitgebern schriftlich nachweisen könnten, würden sich ihre Berufschancen mit Sicherheit wesentlich erhöhen.
Aber natürlich stand für die Schüler aus Ko?cierzyna nicht nur Arbeit auf dem Programm. Im Bildungsbereich gab es Termine bei der Marburger Agentur für Arbeit und der Beschäftigungsgesellschaft Integral. Hier zeigten sich die Polen überrascht, wie viel für die Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen getan wird. So etwas gebe es in Polen nicht, da würden die Menschen früher alleine gelassen. Ein politischer Termin war zudem der Besuch des Kinder- und Jugendparlaments. Neben der obligatorischen Führung durch Marburg mit seinem Schloss gab es im Freizeitbereich unter anderem auch Ausflüge nach Gießen und Frankfurt.
Eingeladen zu einem geselligen Abend wurden die Jugendlichen natürlich auch vom Partnerschaftsverein in Cölbe. Dessen Vorsitzender Hartmut Reiße betonte, „so eine Geschichte ist sehr gut, so kommt einmal ein neuer junger Personenkreis in die Partnerschaft“. Viele Ältere pflegten seit Jahren die Beziehungen nach Ko?cierzyna. Nun sei es an der Zeit, dass noch mehr junge Leute involviert würden als bisher. Deshalb sei es wichtig, dass die Praktikanten „nicht nur in Betrieben rumhängen“, sondern die Region kennenlernen könnten. Und vielleicht arbeite der eine oder andere ja zukünftig sogar hier.
Ihr Bürgermeister
Volker Carle



