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Die Lebensgeschichte eines Bürgelner Mädchens

Irmgard erblickte das Licht der Welt am 4. September 1926 in Bürgeln. Ihr Vater Isidor Wertheim war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der mit Viehhandel seiner Familie eine ausreichende Existenzgrundlage sichern konnte. Ihre Mutter Berta war eine gütige Person, die nicht nur den Haushalt führte und sich um das Vieh kümmerte, sondern die darüber hinaus auch noch die Haushaltskasse der Familie mit Näharbeiten aufbesserte.

   

Irmgard, Erich mit Opa Aron und Oma Berta                        Irmgard als Zwölfjährige 1939

Irmgard wuchs sehr wohlbehütet auf. Der Umgang in der Familie untereinander war sehr liebevoll.

Irmgard hatte auch einen älteren Bruder namens Erich. Er war 4 Jahre älter als sie. Beide besuchten die Volksschule in Bürgeln.

Die Familie besaß ein paar Morgen Land, hatte zwei Kühe und ein paar Hühner, wie das so auf dem Dorfe damals bei den meisten Leuten üblich war. Am Dorfrand – neben dem heutigen Kindergarten - besaßen sie auch einen Gemüsegarten, der sie mit dem Nötigsten versorgte. Auf ihrer großen Wiese zwischen Bahnhof und Ohm musste Irmgard im Sommer manchmal die Kühe hüten und aufpassen, dass sie nicht in die Ohm gingen.

Direkt neben ihnen wohnten ihre engsten Verwandten. Ihr Onkel Albert Hess war wie ihr Vater Viehhändler und ihre Tante Berta – sie hieß wie ihre Mutter - betrieb einen kleinen Lebensmittelladen. Tante Berta, die Cousine ihres Vaters, wog großzügig ab und ließ auch im Winter anschreiben, wenn viele Familien, deren Ernährer auf dem Bau arbeiteten, nur ein sehr geringes Einkommen besaßen. Albert Heß stammte aus Oberasphe. Seine drei ältesten Kinder wurden dort auch geboren. Da er wegen seiner Beinprothese – er hatte im 1. Weltkrieg sein rechtes Bein verloren – stark gehbehindert war, konnte er seinen Beruf als Viehhändler kaum ausüben. Deshalb überschrieb Nanny Wertheim ihr Geschäft auf Albert Heß, damit seine Familie ein gesichertes Einkommen erreichen konnte.

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Wertheims auf ihrem Hof v.l.n.r.: Berta, Tochter Jettchen (am Fenster) Isidor, Aron sowie seine Nichte Hedwig Marx um 1905. Am Türrahmen hängt rechts oben der Mesusa-Behälter mit einer kleinen Schriftrolle, auf der die 10 Gebote aufgeschrieben waren.

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Isidor Wertheim als Soldat (etwa 1910). Daneben seine Schwestern Jettchen (+1915) und Betty, die später (1921) Max Katz heiratete. Rechts Max Katz als Soldat im 1. Weltkrieg.

Isidor leistete seinen Wehrdienst bei der 3. Eskadron des Dragoner-Regiments von Manteuffel Nr.5 in Hofgeismar ab. 1911 wurde er Reservist. Irma besitzt heute noch seinen Reservistenkrug.

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Beide Familien waren im Dorf sehr beliebt und geschätzt. „Das waren prima Leute. Sie waren genau so arme Leute wie wir!“, sagte mir einmal Seibert Kuhn, der alte Schuhmachermeister aus dem Dorf und Nachbar von Wertheims und Hessens.

Irmgards Urgroßvater Isaak Wertheim war ein erfolgreicher Geschäftsmann in Bürgeln gewesen, der neben dem Viehhandel auch im Immobiliengeschäft tätig war. Von den Erlösen seiner Geschäftstätigkeit erwarb er das Haus Nr. 36 mit Scheune und Stallungen, heute Ohmtalstraße 7. Er war auch Mitbegründer des 1889 gegründeten „Bürgeln-Betziesdorfer Dahrlehenskassenvereins“, in dessen Aufsichtsrat er mit Jakob Wertheim, seinem Sohn, gewählt wurde. Dies sprach auch für das Ansehen, das die Wertheims in beiden Gemeinden besaßen.

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Isaak Wertheim (1822 - ?)

Irmgards Vater war – wie ihr Onkel Albert – Weltkriegsteilnehmer gewesen. Wegen seiner besonderen Tapferkeit hatte man Isidor Wertheim in Russland das Eiserne Kreuz verliehen. Ein Bruder ihrer Mutter fiel in diesem Krieg für Deutschland.

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Einweihung des Ehrenmales in Bürgeln durch den Kyffhäuser-Bund 1922: Isidor Wertheim ist der sechste von rechts in der obersten Reihe

Ihr Vater Isidor und Onkel Albert waren Mitglieder im Bürgelner Reichskriegerbund Kyffhäuser. Sie fühlten sich als Deutsche. Sie sprachen deutsch, sie dachten, sie sangen und sie träumten deutsch. „Unter den Begriffen „Vaterland“ und „Patriotismus“ konnten sie sich etwas vorstellen“, sagte Heinrich Heimrich in seiner Dorfchronik. Niemand musste sie also belehren, was das sei.

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Der Männergesangverein Bürgeln 1926. Isidor Wertheim ist der Mann ganz rechts in der 2. Reihe von oben

Albert Hess nahm es – im Unterschied zu seiner sehr gläubigen Frau Berta - mit der Einhaltung der jüdischen Speisegebote nicht so genau. Wenn in der Nachbarschaft geschlachtet wurde, ging er heimlich hin und ließ sich das Schlachteessen schmecken. Auch seine Kinder sahen das sehr locker. Auch Irmgard aß manchmal heimlich „nicht koschere“ Sachen bei ihren Freundinnen. „Aber nie Fleisch!“, versicherte sie mir. Ich vermute, dass sie Wurst gegessen hat.

Irmgards Vater Isidor sang sehr gerne. Er hatte eine sehr gute Stimme. Deshalb war er auch Mitglied im örtlichen Männergesangverein. Mit seinen Freunden spielte er auch regelmäßig Skat in der Gastwirtschaft Theis. Und er war meistens guter Laune. Er hatte auch immer einen Witz auf Lager. Sie beschreibt ihn als eine blendende Erscheinung. „Bright and smart!“

Selbstverständlich wurde in Irmgards Familie das Bürgelner Platt gesprochen.

Daneben wurde Irmgard – wie ihr Bruder Erich - von ihrem Vater in Hebräisch unterrichtet. Sie lernte auch das hebräische Alphabet von ihm.

Mit ihren Cousins Julius, Martin und Fritz sowie der Cousine Erna verstand sie sich auch sehr gut. Sie waren aber viel älter als sie. Deshalb verbrachte sie ihre Freizeit auch am liebsten mit ihren beiden besten Freundinnen, die ganz in der Nähe wohnten.

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         Berta Wertheim (links) mit Irmgard und ihrer Mutter Jettchen Katz

Isidor Wertheim hatte ein Herrenrad. Als Irmgard etwas größer war, lernte sie mit ihm zu fahren. Sie kippte das Rad leicht und fuhr mit dem Gefährt unter der Mittelstange hindurch. Das machte ihr großen Spaß!

Am Samstag, wenn die beiden Familien Sabbat hatten – Schabbes nannte man das damals – wurde nicht gearbeitet. Der Schabbes begann bereits am Freitagabend nach Sonnenuntergang. Während dieser Zeit ruhte die gesamte Arbeit. Es durfte auch nicht gekocht werden. Man machte das vorbereitete Essen dann am Samstag warm. Feuer anmachen durfte man auch nicht. Dazu nahmen Wertheims die Hilfe der christlichen Nachbarn in Anspruch. Das waren ihr Nachbar Balthasar Kornemann und zwei unverheiratete Nachbarsfrauen. Sie machten dann frühmorgens Feuer im Küchenherd an und entzündeten das Licht im Haus.

Am Freitagabend wurde der Schabbes mit einem kurzen Gottesdienst im Haus begonnen, dem sich das Abendessen anschloss. Man begrüßte die „Königin Sabbat“ mit Wein und zwei „Berches“ – geflochtenen und mit Mohn bestreuten Weißbroten. Im Schein von zwei Kerzen betete der Hausherr, gab Wein und mit Salz bestreutes Brot an alle Teilnehmer und sprach den Segen, den „Kiddusch“ zu Sabbatbeginn. Am Vormittag des nächsten Morgens – dem  Sabbat - wurde zu Hause wieder ein Gottesdienst abgehalten. Nur bei besonderen Festtagen besuchte die Familie die Synagoge in Kirchhain.

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Irmgard an der Pumpe neben ihrem Haus                       Erich Wertheim und Albert Hess 1938

Irmgard brauchte an diesem Tag auch nicht in die Schule gehen. Bei schönem Wetter machte man dann Spaziergänge zu den befreundeten jüdischen Familien in Betziesdorf – hier wohnte die Familie Stern – oder zu Buchheims in Cölbe.

Eine letzte gemeinsame Mahlzeit mit Wein und Berches beendete dann am Abend in Bürgeln mit dem Lobgebet den Sabbat. Zusätzlich kam dann noch eine Büchse mit wohlriechenden Gewürzkräutern – die Besominbüchse - auf den Tisch. Die Kerzen wurden zum Abschluss mit Wein gelöscht. 

Sterns besaßen einen Lebensmittelladen. Hinter dem Haus gab es einen wunderschönen Garten, in dem man im Sommer oft Kaffee trank. Daniel Stern, der Bruder von Julius, war im 1. Weltkrieg gefallen. Sein Name war auf dem Ehrenmal an der Kirche von Betziesdorf neben denen von fünf anderen Betziesdorfern zu lesen.

Buchheims hatten in Cölbe eine Metzgerei. David Buchheim schlachtete nicht nur Rinder und Kälber sondern auch Schweine. Die Cölber kauften dort sehr gerne ein, denn David Buchheim machte eine sehr gute Wurst. Politisch engagierte er sich bim Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das sich für den Erhalt der Demokratie von Weimar einsetzte.

Manchmal besuchte man auch die Familie von Adolf Wertheim in Kirchhain, einem Verwandten, der wie Irmgards Vater auch vom Viehhandel lebte.

Mit ihren Nachbarn verstanden sich die Familien Wertheim und Hess sehr gut. Besonders eng war die Verbindung zu der Familie Trier. Ihre Tochter Katharina – Trinchen genannt – war Irmgards beste Freundin. Aber auch mit Appels, die das große Rittergut in Bürgeln besaßen, verstanden sich Wertheims sehr gut. „Wir waren mit Appels und mit dem Schweizer, der dort im Torhaus mit seiner Familie wohnte, befreundet“, erinnert sich Irmgard mehr als 80 Jahre später. Sehr gut verstanden sich Wertheims auch mit der Familie des Dorflehrers Hesse. Dessen Tochter Anneliese war so alt wie Irmgards Bruder Erich. Anneliese wanderte 1950 mit ihrem Mann Reimschüssel in die USA aus. Nach ihrem Tod 2013 hat sie 10 000 € für die Renovierung der Alten Kirche in Bürgeln gespendet.

Als am 8.6.1921 Betty Wertheim, Irmgards Tante, Max Katz aus Watzenborn heiratete, war neben ihrem Bruder Isidor der 55jährige Betziesdorfer Schneider Johannes Hamel Trauzeuge.

Irmgards Cousin Martin war mit ihrem Klassenkameraden Heinrich Heimrich befreundet, der 3 Jahre jünger war als er. Heinrichs Vater hatte seinem Sohn einen kleinen Tretroller gebaut. Martin durfte auch damit fahren. Als Gegenleistung gab es dann ein Bonbon aus dem Kaufmannsladen oder eine kleine Glasmurmel, die es dort auch zu kaufen gab. Heinrich hat diese schöne Glaskugel, mit der sie spielten, bis heute (2016) in Ehren gehalten.

Albert Heß schlachtete für die Bürgelner Ziegen. Als Lohn für diese Arbeit bekam er das Fell. Das spannte er auf, um es, wenn es getrocknet war, an Fellhändler zu verkaufen.

Heinrich kann sich auch noch sehr gut daran erinnern, dass er ab und zu Matze essen durfte, das ungesäuerte Brot, das ein Matzenbäcker in Josbach herstellte.

Die Kinder im Dorf nannten Irmgard „Jerres Irmgard“. Mit Jerre bezeichnete man im Dialekt einen Juden. Irmgard fand diese Bezeichnung aber nicht anstößig. Es war ihr Dorfname, der für sie etwas ganz normales war. 

Bei Kornemanns gab es zum Spielen sogar einen richtigen kleinen Kaufmannsladen. Damit spielte Irmgard besonders gerne.

Die besonders enge Verbindung der Familie Wertheim mit den Bürgelnern verdeutlichen besonders zwei Ereignisse: Als am 9. Mai 1931 Berta Wertheim, die Großmutter von Irmgard starb, wurde der Tod beim zuständigen Standesbeamten Ursprung in Betziesdorf von ihrem Freund Balthasar Kornemann gemeldet.

Als am 12. März 1933 der Großvater von Irmgard, Aron Wertheim, die Augen für immer schloss, war es der Nachbar Ludwig Trier, der das Dahinscheiden dem örtlichen Standesamt meldete.

An einem 24.12. durfte Irmgard einmal zur Familie von Balthasar – Balzer genannt -  Kornemann gehen, um sich anzusehen, wie der Heilige Abend dort gefeiert wurde. Balzer hatte sich an diesem Abend als Weihnachtsmann verkleidet. Das hatte Irmgard sofort erkannt. Natürlich gab es auch einen geschmückten Weihnachtsbaum, den es zu Hause bei Wertheims nicht gab. Isidor Wertheim hatte Irmgard den Besuch erlaubt. „Wenn er es verboten hätte, wäre ich natürlich zu Hause geblieben“, sagte sie mir dazu.

Wie das auf dem Dorf so üblich war, mussten die Kinder im Haus und auf dem Feld mitarbeiten. Natürlich auch Irmgard und ihr Bruder Erich. Irmgard kann sich noch sehr gut an das Rüben ernten erinnern. Man zog die Rüben – „Dickwurz“ genannt - heraus und legte sie in Reihen nebeneinander. Der Vater stach dann mit einem Messer die grünen Strunke ab. Bei der Kartoffelernte sortierte man auf dem Feld die Kartoffeln nach ihrer Größe in verschiedene Körbe.

Zu Hause butterte man noch selbst. Mutter Berta stellte aus der Milch auch Quark her, der im Dialekt des Dorfes als „Matte“ bezeichnet wurde. Die dabei entstandene Molke gab man den Nachbarn ab, die damit ihre Schweine fütterten.

Und man verarbeitete zu Hause Gemüse und Früchte aus dem Garten. So wurden Bohnen eingelegt, Sauerkraut gehobelt und in irdenen Töpfen eingestampft, Eier eingelegt. Im großen Kessel fabrizierte ihre Mutter wunderbares Zwetschgenmus, das Irmgard besonders gerne aß. Sie liebte es, im Sommer auf den Lahnbergen Heidelbeeren zu pflücken. Ihre Mutter stellte daraus Heidelbeerkompott her, das sehr gut zu Kartoffelpfannkuchen schmeckte.

Irmgard liebte frischen Zwetschgenkuchen. Am Samstag gab es frisches Brot mit Hühnerfett, Wurst und Tee, der mit einem Tee-Ei aufgebrüht wurde.

Das Brot buk man nicht selbst im Dorf. Man holte es bei Bäcker Klee in der Ohmtalstraße.

Telefone hatten in Bürgeln nur Herr Theis von der Gastwirtschaft „Mitte“ sowie Appels.

Irmgard hatte eine sehr glückliche Kindheit in Bürgeln verbracht.

1928 erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen 2,6% der Stimmen. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise steigerte sie ihre Ergebnisse: 1929 und 1930 kam sie auf über 10%. Am 31. Juli 1932 erreichte sie mit 37,4% ihr bestes Ergebnis. Sie wurde stärkste Partei im Reichstag. Während dieser Zeit wuchs auch die Mitgliederzahl. Bis zum Januar 1933 waren über 850 000 Mitglieder der NSDAP. Auch im Landkreis Marburg, einer Hochburg der Nazis machte sich dies in einem immer aggressiveren Auftreten der SA, der paramilitärischen Kampforganisation der Partei, bemerkbar.

1932 marschierte eine Kolonne SA vom Bahnhof kommen in das Dorf herein. An der Ecke Ohmtalstraße/Marburger Landstraße standen einige Bürgelner und beobachteten die heranmarschierenden Braunhemden. Unter ihnen Albert Heß. Ein besonders fanatischer Bürgelner Nazi marschierte in dem Trupp mit. Laut skandierte er: „Da steht ein Jude!“, woraufhin seine Kameraden den Sprechchor „Juda verrecke, Juda verrecke!“ brüllte. Albert Heß, der sich durch seine Nachbarn wohl beschützt fühlte, rief: „Bevor Du hier so etwas brüllst, solltest Du erst einmal Deine Schulden bei mir bezahlen!“ Die umstehende Bürgelner quittierten diese Äußerung mit Lachen.

Bald sollte ihnen das Lachen vergehen.  

Bürgeln unter der Nazi-Diktatur

Mit dem 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Hitler vom greisen Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, änderte sich alles. Da war Irmgard gerade einmal 6 Jahre alt.

Am Tag von Hitlers so genannter Machtergreifung, die eigentlich eine Machtübertragung war, kam die Gemeindeschwester Henni, zu Wertheims und sagte: „Hitler ist Reichskanzler geworden. Der Hindenburg hat ihn selbst ernannt!“ Darüber war Schwester Henni sehr erfreut. Irmgard weiß bis heute nicht, warum sie sich diese Szene gemerkt hat. Schwester Henni assistierte in Bürgeln immer, wenn Dr. Krausmüller aus Cölbe in das Dorf kam.

Am 5. März 1933 wurden die letzten Reichstagswahlen in Deutschland durchgeführt, die bereits schon unter dem Terror der bewaffneten SA, die von der Reichsregierung als „Hilfspolizei“ eingesetzt worden war, stattfanden. Die NSDAP erreichte dabei reichsweit trotzdem nur 43,9 %. Mit den 8% Stimmen der Deutschnationalen Volkspartei – ihrem Koalitionspartner – kamen die Nazis gerade so über 50%.

Mit dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933, dem die bürgerlichen Parteien zustimmten– die SPD stimmte als einzige Partei dagegen – wurde den Nazis die Vollmacht zur endgültigen Errichtung der Diktatur gegeben. Die kommunistischen Abgeordneten – die KPD verfügte über 12 Prozent der Mandate im Reichstag – waren zuvor schon verhaftet und in die Konzentrationslager verbracht worden.

Am 27.März 1933 wurden in Bürgeln der Sozialdemokrat Balthasar Stauzebach und der kommunistische Maurer Josef Losekamm verhaftet und „in Schutzhaft“ genommen. Balthasar Stauzebach war Ortsgruppenvorsitzender des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, in dem sich Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Verteidiger der Weimarer Demokratie organisiert hatten.

An diesem Tag verhaftete man in Deutschland reichsweit Mitglieder der Arbeiterparteien KPD und SPD sowie der Gewerkschaften. Im Landkreis Marburg wurden mindestens 77 Personen in Polizeigewahrsam genommen. Sie kamen in das Marburger Gerichtsgefängnis in der Wilhelmstraße 17. Josef Losekamm wurde am 15.4.1933, Balthasar Stauzebach erst am 10.7.1933 „aus der Schutzhaft“ entlassen. Unter den Verhafteten im Landkreis Marburg befanden sich auch die jüdischen Kaufleute Julius Katten aus Halsdorf sowie Alfred Stern aus Wetter.

Der erste Schlag traf damit die ortsbekanntesten Linken im Ort. Dies geschah in einer Phase, in der die erst kurz an der Macht befindlichen Nationalsozialisten ihre Hasskampagnen gegen die jüdische Bevölkerung noch nicht entfacht hatten. Sie konzentrierten sich zunächst darauf, ihre politischen Gegner auf der Linken auszuschalte, die sie als Teil der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ betrachteten.

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   Albert Hess, Berta Hess, geb. Wertheim und Martin Hess auf den Kennkartenfotos des Jahres 1939

Am Abend des 10. Mai 1933 zogen Studenten der Marburger Universität, unterstützt von  SA und NSDAP-Prominenz, mit einem Fackelzug von der Afföllerstraße zum „Kämpfrasen“. Dort verbrannte man die Bücher, die den „undeutschen Geist“ verkörpern sollten. Der NSDAP-Vertreter Stoevesandt schwor die Teilnehmer ein. „Wenn später einmal die Geschichte der nationalen Revolution geschrieben wird, dann werden auch diese Kundgebungen verzeichnet sein.“ Die Veranstaltung wurde von der Studentenschaft organisiert, die Studenten sammelten zusammen mit der Hitlerjugend die Bücher in Privathäuern, privaten Leihbibliotheken und öffentlichen Volksbüchereien ein. Unter den verbrannten Büchern befanden sich auch Schriften von Karl Marx, Kurt Tucholsky, Siegmund Freud und Erich Kästner. Heinrich Heine hatte ein Jahrhundert vorher formuliert: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Im April 1933 wurde reichsweit zum Boykott jüdischer Läden aufgerufen. Mit ersten Terrormaßnahmen gingen Nazis gegen jüdische Kaufleute und ihre Geschäfte vor.

Der Boykottaufruf gegen jüdische Händler betraf natürlich auch den Kaufmannsladen von Berta Hess in Bürgeln. Anfangs kauften noch viele Bürgelner bei ihr. Als aber der Druck auf die Kundschaft seitens der örtlichen Nationalsozialisten zunahm, kaufte man dann heimlich nach Geschäftsschluss oder im Dunkeln ein. Das ließ sich aber auch nicht lange auf dem Dorfe verheimlichen. Man muss deshalb davon ausgehen, dass ab 1935 Berta Hess ihren Laden schließen musste. Die Bürgelner kauften dann im Laden der Familie Hentrich ein, der nicht weit entfernt von Hessens Haus lag.

Infolge des Abklingens der Weltwirtschaftskrise, der faktischen Aufhebung der Reparationszahlungen im Rahmen des Versailler Vertrages – ein Ergebnis der Politik unter Brüning -  und den eingeleiteten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie dem Autobahnbau ging in Bürgeln die Arbeitslosigkeit zurück. Die Nazi-Propaganda ließ alle wissen, wem sie das zu verdanken hatten: Adolf Hitler. Viele Männer aus Bürgeln, auch der Vater von Irmgards Freundin Anna Busch, hatten endlich wieder Arbeit gefunden. Sie waren Hitler deshalb dankbar dafür, auch wenn der eine oder andere erst der NSDAP beitreten musste, um eine Arbeitsstelle zu bekommen.

                  

                       Isidor und Berta Wertheim auf den Kennkarten-Fotos von 1939

Am 22.7.1933 gab es eine Mitgliederversammlung des Männergesangvereins Bürgeln. Anwesend waren 36 Mitglieder. Einziger Tagesordnungspunkt: Gleichschaltung des Vereins.

Mit der Politik der Gleichschaltung wollte man das gesamte politische und gesellschaftliche Leben in Deutschland im Sinne der nationalsozialistischen Führerdiktatur umgestalten. Bezogen auf Vereine wie den Bürgelner Männergesangverein bedeutete dies die Beseitigung demokratischer Strukturen zugunsten des ‚Führerprinzips‘ und den Ausschluss jüdischer Mitglieder.

Im Protokollbuch des Vereins ist zu lesen: „In der heutigen Singstunde fand dann die Gleichschaltung statt. J. M. leitete die Wahl. Vorgeschlagen wurde K. F., welcher dann auch bei der Abstimmung zum Führer bestimmt wurde. F. dankte dem Verein für das ausgesprochene Vertrauen und bestimmte daraufhin seine Mitarbeiter, welche alle wieder im Amte bleiben. Nach Absingen des „Horst-Wessel-Liedes“ fand dann die Gleichschaltung ihr Ende. W., J., 1. Schriftführer.“

Das „Horst-Wessel-Lied“ war die Parteihymne der NSDAP. Sie wurde später nach dem Deutschlandlied – 1. Strophe – als zweite Nationalhymne mitgesungen.

Es ist davon auszugehen, dass mit dieser Versammlung der Bürgelner Sänger Isidor Wertheim aus dem Männergesangverein ausgeschlossen worden ist. Im Protokoll findet sich dazu kein Satz. Wie wird er diesen Rausschmiss aus seinem geliebten Gesangverein aufgenommen haben? Was ging in den Köpfen seiner „Sangesbrüder“ vor?

 Am 1.10.1933 schloss der Kyffhäuserbund „Nichtarier“ von der Mitgliedschaft aus.

Was dies für Albert Hess und Isidor Wertheim bedeutete, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Sie, die tapfer für Deutschland gekämpft hatten, ihr Leben riskiert, ihre Gesundheit geopfert und sich ausgezeichnet hatten, gehörten von nun an nicht mehr dazu! Sarkastisch habe Isidor dazu gesagt: “Der Dank des Vaterlands ist Dir gewiss!“

         

24.8.1934 in Marburg auf der Weidenhäuser Brücke: In einem erzwungenen Marsch wurde der Medizinstudent Jakob Spier aus Schrecksbach, von SA-Männern und ihrer Musikkapelle durch Marburg geführt. Er war gezwungen worden, ein Schild zu tragen mit der erniedrigenden Aufschrift „Ich habe ein Christenmädchen geschändet!“ In Wahrheit hatte der Student mit Zustimmung der Eltern einer Marburger jungen Frau sich mit ihr verabredet. Jakob Spier konnte 1936 in die USA fliehen.

Marburg war eine Hochburg der Nazis gewesen. 1929 hatten nur 480 Marburger die NSDAP gewählt – nur 5,3 %. Aber bereits 1930 – auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise - hatte die NSDAP in Marburg 28,8% der Stimmen auf sich vereinigen können – 10% mehr als im Reichsdurchschnitt. Im Juli 1932 steigerte sie ihren Stimmanteil auf 53,3% (Reich: 37,4%). Es war reichsweit eine Nazi-Hochburg.

Ursachen dafür waren der hohe Anteil völkisch gesinnter, antisemitischer rechtsradikaler und republikfeindlicher Bürger, die geringe Zahl von Arbeitern (SPD und KPD erreichten 1932 gerade einmal zusammen 21,2%) und eine Minderheit katholischer Wähler, die traditionell das katholische Zentrum oder die bürgerlichen Parteien mehr favorisierten.

Der oberhessische Raum war auch zuvor schon ein Zentrum antisemitischer Aktivitäten. 1887 gelang es dem Marburger Bibliotheksangestellten Otto Böckel, als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Marburg-Frankenberg in den Reichstag einzuziehen. Er blieb dort ohne Unterbrechung bis 1903.

Die Deutschen Burschenschaften fassten schon 1920 einen Beschluss, dass Juden nicht Mitglieder in ihren Organisationen sein durften. Sie verlangten fortan ein Ehrenwort von allen Neumitgliedern, „frei von jüdischem oder farbigem Bluteinschlag“ zu sein und keine jüdischen oder farbigen Ehepartner zu haben oder künftig zu wählen.

Am 1.1.1934 wurde dem Männergesangverein Bürgeln ein Rundschreiben des „Führers“ des Sängerkreises 8 (Marburg) im Gau Kurhessen zugestellt und mitgeteilt, dass der Kreis über 3800 aktive Sänger verfüge. „Ich berufe zu Führern der Bezirke“ – dann folgen die einzelnen Gesangvereine und die Namen der neuen Vorsitzenden Es wird angeordnet, dass die jeweiligen „Führer“ ihre anderen Vorstandsmitglieder („Schriftwart, Kassenwart, Chormeister“) zu berufen haben. „Die Namen dieser Herren – genaue Postanschrift – sind mir unter Angabe der politischen Einstellung jedes Einzelnen bis zum 15. Januar schriftlich zu melden.“ Damit wurden nicht nur alle demokratischen Prinzipen über Bord geworfen, sondern zusätzlich die politische Überwachung aller Vorstandsmitglieder angeordnet. In dem Schreiben wird weiterhin verfügt, dass alle Chöre die Lieder „Lied des Volkes“ und „Jetzt kommt die Zeit, da ich wandern muss“ anschaffen und einüben  müssen. Unterschrieben wird das Rundschreiben „Mit deutschem Gruß und „Heil Hitler“ Karl Dietrich, Kreisleiter.“

Diese Regelung, dass den Vereinen jedes Jahr Lieder zum Einstudieren vorgeschrieben werden, setzt sich in den folgenden Jahren weiter fort. Immer mehr müssen Marsch-  und Wehrmachtslieder von den Gesangvereinen eingeübt und beherrscht werden. Sie kommen bei den Sängerfesten, Wertungssingen, dem „Heldengedenktag“ sowie bei Massenveranstaltungen des NS-Staates zum Vortrag. Ein Beispiel dazu: Am 28.4.1937 wurde angeordnet, dass beim Kreissängerfest dieses Jahres die Lieder „Dir möchte ich dies Lied weihen“ und „Es ziehen die Standarten“ eingeübt werden sollten. Beide Lieder sollten bei diesem Zusammentreffen als Massenchöre gesungen werden.

Auf dem Land ging man nach dem 30. Januar 1933 gegen Bauern vor, die Vieh an jüdische Händler verkauften. Sie wurden massiv unter Druck gesetzt. Man drohte ihnen, sie öffentlich an den Schwarzen Brettern der Dörfer als „Judenfreunde“ anzuprangern.

In der Kurhessischen Landeszeitung erschien unter der Rubrik „An den Pranger“ die Namen der Landwirte, die noch mit Juden Geschäfte abwickelten – zum Beispiel am 15., 20., 28. und 29. September 1933.

Zeitgleich erschien in der Oberhessischen Zeitung die Bekanntmachung des „1. judenfreien Viehmarktes“ in Marburg. „Es ist die Pflicht eines jeden Bauern, sein verkäufliches Vieh dort zum Verkauf anzubieten bzw. seine Ankäufe bei dieser Gelegenheit ohne den Juden zu tätigen. Kein Bauer darf den Besuch dieser Veranstaltung versäumen.“ Dieser Markt soll sehr erfolgreich gewesen sein. „Der Besuch ist so stark, dass man von einem der größten Viehmärkte der letzten Jahre sprechen kann“, heißt es in der Oberhessischen Zeitung danach.

Trotzdem waren viele Landwirte zunächst nicht bereit, ihre Viehgeschäfte ohne jüdische Händler zu tätigen.

Irmgards Cousine Erna Heß, die ein besonders attraktives Mädchen war, floh unter dem Eindruck all dieser Entwicklungen 1934 in die USA zu ihrem Bruder Julius, der bereits vorher – während der Weimarer Republik – dorthin ausgewandert war. Ihr jüngerer Bruder Fritz Heß erreichte die USA im Jahre 1936.

Am 30. Juni 1935 wurde es jüdischen Viehhändlern untersagt, das Schlachthaus in Marburg zu betreten. Mit bürokratischen Schikanen versuchte man dann, sie endgültig aus dem Wirtschaftsleben heraus zu drängen.

Im Oktober 1935 durften Tiere nur gegen einen Schlachtschein geschlachtet werden, in dem aufgeführt war, durch wen das Vieh gehandelt wurde. Im Dezember 1935 stellte die Gestapo in einem Lagebericht fest: „Die jüdischen Viehhändler sind zum Teil bereits vom Handel ausgeschaltet, wenngleich es auch hier noch manch weiterer Aufklärungsarbeit bedarf.“

Man muss annehmen, dass die Einkünfte in den Familien Wertheim und Hess dadurch auch rapide gesunken sind.

Immer häufiger kam es in Bürgeln vor, dass fanatische Nazis vor den Häusern beider Familien Nazi-Parolen brüllten – meist abends oder in der Nacht. Es ist auch vorgekommen, dass sie manchmal – einmal auch gemeinsam mit der Hitlerjugend - judenfeindliche Lieder sangen. Irmgard denkt heute noch schaudernd an das Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s noch mal so gut!“, das sie vor ihrem Haus brüllten. Sie hatte dabei furchtbare Angst gehabt.

                               

                                                       Ein „Stürmer-Kasten“

Immer häufiger kam es in Bürgeln vor, dass fanatische Nazis vor den Häusern beider Familien Nazi-Parolen brüllten – meist abends oder in der Nacht. Es ist auch vorgekommen, dass sie manchmal – einmal auch gemeinsam mit der Hitlerjugend - judenfeindliche Lieder sangen. Irmgard denkt heute noch schaudernd an das Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht´s noch mal so gut!“, das sie vor ihrem Haus brüllten. Sie hatte dabei furchtbare Angst gehabt.

Genau gegenüber ihrem Elternhaus hatten die Nazis nach 1935 einen „Stürmerkasten“ aufgestellt: Einen Schaukasten, in dem „Der Stürmer“, ein antisemitisches Wochenblatt, jede Woche druckfrisch ausgehängt wurde. In dieser Hetzzeitschrift von Julius Streicher, dem Gauleiter Frankens, wurden die Juden karikaturhaft verzerrt als die Verkörperung des Bösen schlechthin dargestellt. „Die Juden sind unser Unglück!“ stand nicht nur auf jeder Titelseite am unteren Seitenrand, sondern prangte auch in großen Lettern über vielen der so genannten „Stürmerkasten“. Die Juden wurden auch für die Niederlage im 1. Weltkrieg verantwortlich gemacht. In den Stürmer-Kästen wurden auch Menschen denunziert, die bei Juden kauften oder mit ihnen Geschäfte machten. Ob dies auch in Bürgeln geschah, weiß Irmgard heute nicht mehr.

Ein weiterer Stürmerkasten befand sich 50 Meter von dem Haus der Familie Heß entfernt gegenüber Heimrichs Schmiede am Garten des Hofes, in dem sich heute das Heimatmuseum befindet. Heinrich Heimrich kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie wöchentlich die Seiten ausgewechselt wurden. Mit Reißzwecken habe man den Stürmer befestigt, wie er mir in einem Telefongespräch am 4.3.2016 berichtete.

                                 

                                         Der Stürmerkasten gegenüber der Schmiede