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Neues von den jüdischen Familien in Cölbe

In einem Brief von David Buchheim, der mir einen Tag vor der Stolpersteine-Verlegung in Cölbe bekannt wurde, sagt David Buchheim, dass auch eine Schwester von Paula von den Nazis ermordet wurde. Im Zusammenhang mit der Anfrage einer Cölberin, ihr bei der Entnazifizierung ihres Sohnes zu helfen, schreibt er in einem Brief an den Cölber Bürgermeister Jakob Hedderich 1957: „…  wie könnte ich dies tun, wo meine Schwestern/Brüder, meiner Frau ihre Schwester und Kinder von den Nazis vergast worden sind.“

Bei der ermordeten Schwester seiner Frau konnte es sich nur um Henriette handeln, denn ich wusste, dass Bertha Heß (Hess), verheiratete Assenheim, mit ihrem Mann Heinrich 1940 in die USA fliehen konnte. Die Einreisedokumente liegen vor.

 

Ich rekapituliere: Juda Heß (Hess) aus Oberasphe und seine Frau Goldine (Golda), geb. Stern aus Wehrda, hatten 3 Töchter:

Bertha Hess wird am 10.7.1881 in Wehrda geboren. Sie besucht von 1893 bis 1896 die Elisabethschule – das war damals eine Oberschule für Mädchen - in Marburg.

Henriette Hess wird als „Jetche“ am 27.12.1885 in Cölbe geboren. Sie ist Elisabeth-Schülerin von 1896-1900.

Pauline (Paula) Hess (*1892) heiratet später David Buchheim. Sie hat nicht die Elisabethschule in Marburg besucht.

Henriette Hess (im Buch des Standesamtes wird sie korrekt lals „Jetchen“ benannt) heiratete am 21.7.1916 in Cölbe den verwitweten Kaufmann Moses Maas (*3.1.1875) aus Frankenthal in der Pfalz. (Im Gedenkbuch der Elisabethschule ist nur von einem Herrn Maas die Rede, was mich bei der Recherche leider nicht weiter gebracht hat.) Interessanterweise sind die beiden Trauzeugen der Landwirt Johann Heinrich Feußner (39 Jahre alt, Jg. 1877) und der Dreschmaschinenbesitzer Fritz Born (33 Jahre alt). Wie bei der 3 Jahre später stattfindenden Hochzeit von David Buchheim zeigt dies, wie stark die Familie Hess in das Dorfleben integriert war!

Bei der Flucht aus Deutschland machten die Buchheims zuerst in Frankfurt bei Paulas Schwester Bertha Assenheim Station, bevor sie weiter nach Frankenthal reisten. Dort waren sie sicherlich Gast bei Jetchen Maas, bevor die Reise weiter ging Richtung Palästina!

Im Gedenkbuch des Zentralarchivs tauchen die Namen von Moses und Henriette Maas nicht auf. Auch keine anderen Personen mit diesem Familiennamen aus Frankenthal. Auch mit Hilfe ihres Geburtsdatums war die Suche nicht erfolgreich. Vermutlich konnten Moses und Jetchen ins Ausland – am wahrscheinlichsten in die USA – fliehen!  Und falls sie Kinder gehabt haben, diese auch!

Irma Pretsfelder, geb. Wertheim, meint, dass in Baltimore eine Familie Maas gelebt habe. Sie wird recherchieren!

Mit anderen Worten: Alle Schwestern von Paula Buchheim haben offensichtlich die Nazi-Zeit überlebt!

Das Interessante daran ist, dass man Cölbe bis 1900 als "Kölbe" bezeichnet hat. Das habe ich erst bei der Recherche nach der Stolpersteine-Verlegung registriert.

Daraufhin habe ich „Kölbe“ beim Zentralarchiv (Gedenkbuch) eingegeben. Und siehe da:

In Cölbe hatte eine Familie Stern gewohnt. 2 Frauen davon, die in Cölbe geboren wurden, sind in Auschwitz und Treblinka ermordet worden: Rosa Stern, verheiratete Philippsborn und Johanna Stern, verheiratete Süß.

Johanna Stern (*1862 in Cölbe) ist die Schwester von Isaak Stern. Ihre Eltern waren der aus Wehrda stammende Ascher Stern(1818-1897) und Jeannette Stern, geb. Höchster. Johanna hat Joseph Süß (II) in Watzenborn geheiratet. Das ist der Ort, in dem Siggi Keats (Siegfried Katz), der Cousin von Irma Wertheim, verh. Pretsfelder, aufgewachsen ist. Johanna hatte eine Tochter namens Emma. Johanna Süß wurde am 18.8.1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 26.9.1942.

Emma Süß wurde am 19.9.1894 in Watzenborn geboren. Sie heiratete am 7.2.1921 den Kaufmann (Viehhändler) David Adler (*2.7.1895 in Niedermeiser, Kreis Hofgeismar) aus Grebenstein. Trauzeugen waren übrigens die nichtjüdischen Mitbürger „Polizeidiener“ Johannes Fett und Werkmeister Wilhelm Wehrum. Emma hatte eine Tochter namens Lydia, die am 15.8.1927 geboren wurde. Mit ihr hat Irma Pretsfelder noch gespielt! Und sie hatten einen älteren Sohn Siegfried Kurt Adler (*1922), der im gleichen Jahr wie Siggi geboren wurde. Er war aber nie ein Klassenkamerad oder Schulkamerad von Siggi gewesen. Wahrscheinlich besuchte er eine Privatschule außerhalb von Watzenborn. Emma wurde mit ihren Kindern Siegfried Kurt und Lydia am 22.11.1941 deportiert und am 25. November 1941 in Kowno (Kaunas, Litauen) ermordet. David Adler konnte zuvor in die USA fliehen. Er lebte später – wie mir Siggi am 19.7.2018 mitteilte - in Chicago und betrieb dort erfolgreich ein Geschäft.

Isaak Stern (*27.4.1858 in Wehrda) , der Bruder von Johanna (Hannchen) Stern und seine Frau Julie, geb. Mosheim, lebten in Cölbe im Haus Nr. 53. Sie hatten 2 Kinder:

Sally Stern, geb. am 1.1.1888 und Rosa Stern, geboren am 09. August 1890. Beide erblickten das Licht der Welt in Cölbe und wuchsen hier auf.

Rosel Regina Rosa Stern wurde am 9. August 1890 in Cölbe geboren.  Rosa, wechselte 1899 auf die Elisabethschule in Marburg, die sie bis 1902 besuchte.

Regina heiratete Richard Philipsborn, geb. am 21.5.1880 in Quedlinburg: Nach der Hochzeit zog das Paar nach Kassel. Am 9.12.1941 wurden beide in das Ghetto Riga deportiert. Von dort verbrachte man sie nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden. Todesdatum: November 1943

Sally Stern lebte nach 1920 als Bankangestellter in Marburg, Barfüßertor 34. Er heiratet am 27.7. 1920 in Frielendorf Rahne / Reischen Moses, die am 27.12.1890 in Ropperhausen geboren wurde. Das ist ein Dorf in meiner Heimat, nur 10 km Luftlinie von meinem Heimatdorf Cassdorf entfernt!

Ihre Tochter Margot wird am 17.3.1921 in Marburg geboren. Sie besucht die Elisabethschule von 1931-1935. 1935 zieht die Familie nach Kassel um. Dort besuchte Margot das Oberlyzeum Kassel. Die Familie wanderte 1939 in die USA aus.

Wie es so aussieht, werden wir 2 weitere Stolpersteine für Rosa und Johanna Stern in Cölbe verlegen müssen!

Cölber gedenken der Familie Buchheim

Der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt Künstler Gunter Demnig verlegte am 3. Juli 2018 vor dem Haus „Alte Dorfstraße 12“ in Cölbe Stolpersteine für die jüdische Familie Buchheim, die hier viele Jahre gelebt hatte und 1937 aus Cölbe fliehen musste.

Bürgermeister Carle begrüßte zu Beginn die etwa 30 Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Cölbe und die Sponsoren der Stolpersteine, die zu diesem Ereignis, das bei strahlendem Sonnenschein stattfand, erschienen waren. Er sagte, dass Cölbe damit Teil des größten dezentralen Denkmals in Deutschland geworden sei. Die Stolpersteine erinnerten uns daran, wie schnell sich die politischen Verhältnisse verändern können. “Plötzlich war die Demokratie weggebrochen. Menschen wie Sie und ich haben einfach weggeschaut. Würden wir heute gerade stehen, wenn wieder so etwas passiert, wenn Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft eingeschränkt würden? Die Zeitzeugen verlassen uns, die mündliche Überlieferung verliert sich. Dass wir heute in Cölbe gedenken können, ist das ganz große Verdienst von Hans Junker, der sich intensiv mit der Geschichte befasst hat.“

Die Familie von David und Paula Buchheim sei ein integrativer Bestandteil des Cölber Dorflebens gewesen, führte Hans Junker aus. David Buchheim betrieb eine gut gehende und auf dem modernsten Stand eingerichtete Metzgerei. Buchheims waren großzügig beim Abwiegen und unterstützten auch Bedürftige in den schweren Zeiten der Inflation 1923 und der Weltwirtschaftskrise nach 1929, die auch sehr viele Cölber arbeitslos machte. Das machte Buchheims in der Dorfbevölkerung sehr beliebt.

Das änderte sich aber schlagartig 1933, als die Nazis an die Macht kamen und durch Boykottmaßnahmen, antijüdische Gesetze und offenen Terror einen Weiterbetrieb der Metzgerei unmöglich machten. Im Mai 1937 mussten Buchheims deshalb Deutschland verlassen. Noch am Tage vor ihrer Abreise von Cölbe musste Johannes Heuser, der Nachbar und Freund, David Buchheim vor den Nazis auf dem Cölber Friedhof verstecken, die Jagd auf ihn gemacht hatten.

Ernst Fehler würdigte als Mitglied der SPD-Fraktion im Cölber Gemeindeparlament David Buchheim und  betonte, dass David Buchheim als SPD-Mitglied und deutscher Patriot tapfer im 1. Weltkrieg für Deutschland gekämpft habe und sich immer mutig für den Erhalt der Weimarer Republik eingesetzt hatte. David Buchheim hatte es nicht glauben können, dass ihm einmal als verdientem und ausgezeichneten Frontsoldaten des 1. Weltkrieges, der für seine Tapferkeit das Eiserne Kreuz verliehen bekommen hatte, etwas Nachteiliges geschehen könnte. David Buchheim sei ein Vorbild für uns alle gewesen. Deshalb sei es auch eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass die SPD-Fraktion die Patenschaft für seinen Stolperstein übernommen habe.

Stolpersteine Buchheim

Stolpersteine Alte Dorfstraße 12

Ursula Broicher, Lutz Götte und Martin Hedderich sind die Enkel von Katharina und Johannes Heuser, die direkt neben Buchheims in der „Alten Dorfstraße 10“ ein kleines Lebensmittelgeschäft betrieben hatten. Sie, die im Dorf den Hausnamen „Lauersch“ gehabt hatten, waren die besten Freunde von Buchheims gewesen. Aus den Briefen, die vom ersten Tag an, als die Familie Buchheim Cölbe verlassen musste, hin und her geschrieben wurden, lasen die Enkel vor. Die sehr emotional gefärbten Aussagen der Briefe machten deutlich, wie sehr und wie eng Paula und David Buchheim, aber auch ihre Tochter Else, die im Dorf „`s Schwoarze“ genannt wurde, mit Cölbe verbunden geblieben waren, auch wenn sie schon viele Jahre und Jahrzehnte ihr Heimatdorf nicht mehr gesehen hatten. Und wie sehr sie die Trennung von ihren Freunden und ihrer Heimat schmerzte. Lutz Götte sagte, auch noch nach dem Krieg habe man Buchheims betrogen. Bei dem so genannten Wiedergutmachungsverfahren hätten neidische Nachbarn den ehemaligen Besitz der Familie klein geredet.

Lisa Seifart, eine Abiturientin der Elisabeth-Schule, stellte Else Buchheim als eine von vielen jüdischen Schülerinnen vor, die dieses Mädchengymnasium in Marburg besucht hatten und 1937 wegen der rassistischen Politik des Nazi-Regimes ihre geliebte Schule verlassen mussten. Sie seien aber im Bewusstsein der Schule, die seit vielen Jahren keine reine Mädchenschule mehr ist, niemals vergessen worden. Ein großer Davidsstern vor dem Schulgebäude erinnere alle täglich daran. Viele Schüler und Lehrer der Elisabethschule hätten deshalb auch Geld für die Stolpersteine gespendet. Und sie resümierte am Schluss: „Es ist deshalb sehr wichtig, sich angesichts der politischen Entwicklung in Deutschland mit der AfD und dem Schlagwort „America first“, mit der Geschichte zu beschäftigen.“

Hans Junker stellte Hilde Buchheim vor, die 1936 von der Cölber Volksschule an die Jüdische Schule nach Marburg wechseln musste. Auf einem Klassenfoto während eines Schulausflugs der Jüdischen Schule war Hilde, die von „Lauersch“ wegen ihrer Lebendigkeit den Spitznamen „Zwirbel“ bekommen hatte, gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen und –kameraden abgebildet, die sich um ihren Lehrer Samuel Pfifferling gruppiert hatten. Einige dieser Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrer Pfifferling und seine Frau Selma wurden später nach 1941 von den Nazis deportiert und ermordet.

David Buchheims Schwester Berta wurde 1942 in Sobibor, seine Brüder Max und Salomon in Theresienstadt und Minsk Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns .

Nach ihrer Flucht nach Palästina 1937 siedelte die Familie Buchheim 1946 nach den USA um. In der 190. Straße im Norden von Manhattan, eröffnete David Buchheim ein kleines Lebensmittelgeschäft. Dort wurden sie auch 1963 von Lutz Götte und seiner Schwester Ursula (Broicher) besucht.

Die Töchter von Buchheims heirateten und bekamen jeweils eine Tochter. Dalia Eisen, die Tochter von Else Buchheim, die heute Direktorin einer Grundschule in Totonto ist, richtete eine Grußbotschaft an die Cölber, in der sie dem Bürgermeister Carle, dem Gemeindeparalament und allen Sponsoren dankte, besonders aber Hans Junker und Ursula Broicher, mit denen sie seit vielen Monaten Kontakt pflegt. Ein besonderer Dank ging an den Künstler Gunter Demnig,  der „diese schöne Hommage nicht nur für meine Großeltern, sondern auch für die Tausenden und Abertausenden von Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung geschaffen hat. Auf der Website von Herrn Demnig zitiert er den Talmud: "Eine Person wird nur dann vergessen, wenn ihr Name vergessen wird".

Amnon Orbach, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Marburg betete zum Abschluss dieser Veranstaltung, die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr bewegt hatte, das Kaddisch für alle ermordeten Juden der Shoa.

Neben den Stolpersteinen wird die Gemeinde aber auch noch mit Gedenktafeln nicht nur der Familie Buchheim gedenken, sondern auch der Sinti-Familie Strauß, die 1943 von Cölbe in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde, wo sieben Familienmitglieder den Tod fanden. Eine weitere Gedenktafel wird an den Cölber Pfarrer Bernhard Heppe erinnern, der ein aktiver Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus war. Er war einer der drei führenden Köpfe des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche in Kurhessen-Waldeck gewesen. Ende 1943 wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Er starb 1945 an einer Typhus-Infektion in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft.